Schwäbische Grübeleien

Fiktives Aufsatzthema:  „Das sonnige Gemüt der Schwaben“ oder „Die Leichtigkeit des Seins in Südwestdeutschland“.  Ich weiss nicht, ob ich diesen Sachverhalt erörtern wollen würde, käme der Quadratur des Kreises gleich.
Als schwäbischer Eingeborener und damit als Betroffener fragt man sich halt, warum die Schwaben nicht das Herz auf der Zunge tragen, warum sie oft so zäh und unlocker wirken. Liegt es daran, dass der schwäbische Dialekt für positive Ansätze kontraproduktiv ist und Worte bereitstellt, die wie Spassbremsen wirken?

z.B. das Wort „halt„. Kann man nicht übersetzen.
Beispiel: „Wir kommen halt morgen und machen das Rohr frei“ (unter Verzicht auf schwäbische Orthographie, auch in den folgenden Beispielen) – da wird der innere Widerstand und dessen Überwindung gegen das Tun mit Nachdruck zum Ausdruck gebracht, Unlust, Lustverlust. Das Wort ist so ein Killer wie „Jaaaa, aber“. Die Zustimmung, mit einem Wort wieder einkassiert.

Oder „Hano„. Kann man ebenfalls nicht übersetzen, als „Hanoi“ verschärft ausgesprochen, gedehnt. Kommt oft vor, drückt missbilligendes Erstaunen aus, wobei „Hanoi“ gleich die Ablehnung in sich trägt.
Da kommt keine Lebensfreude auf.
Keel„, ohne Beispiel in der deutschen Sprache. Ganz schwer übersetzbar, eine Stiegerung des Neagtiven. „Bist du wieder keel heute“, gedeeehnt ausgesprochen.

Bemerkenswert sind positive Statements in Schwaben, Gefühlsausbrüche. Das Schwäbische erstickt euphorische Ausbrüche der Zustimmung schon im Keim.

Sauberle„: unübersetzbar.
Der Komparativ: „Sauberle sauberle!“. Ergebnis der Kehrwoche und des Kandelkehrens am Samstag mittag mit dem Kutterschäufele. Schmutz und Unordnung passt nicht hinein in das schwäbische Selbstverständnis, es gibt tausend Arten hier, sich dem Unkraut zu widmen, das zwischen den Bordsteinen spriesst.
Und niemals wird ein Schwabe sagen, das es ihm etwa glänzend geht. Das äußerste Wohlbefinden wird mit „net schlecht„, „S’Kennt besser sei“ oder „S’geht“ umschrieben, im leicht jammerndem Tonfall dahergenäselt.

Ein Ausdruck für innige Zuneigung ist: „Wir täten schon zu einander passen“ –  es geht dabei nicht um die Gründung einer GmBH, sondern um die Bahnung einer Lebensgemeinschaft.
Ein leckeres Essen wird kommentiert mit „Kann man essen“ oder „Der Hunger hat’s halt runter getrieben

Die Beleidigung: Da erreicht das Schwäbische internationales Format, nur kurz gestreift:
Der „Seggl“ – wieder nicht übersetzungsfähig. Der schlimmste Tort, den man einem Schwaben antun kann, unheilbar, keine Chance, Vollpfosten forever, und es lässt sich noch steigern: „Lombaseggel“ und der Superlativ: „Granadaseggel„, das ist der verbale Supergau.
Harmloser der „Grassdackel„, das „Mensch„, die böse Frau also, oft mit einer „Gosch wie einem Schwert“ ausgestattet.

Soweit, so schlecht.
Womöglich ist das einer der Gründe, weshalb die Schwaben in Berlin ziemlich schlecht angesehen werden, da treten sie anscheinend massiert auf. Wenn ich hingegen nördlich des Mains unterwegs bin, dann fällt mir jedes Nummernschild aus dem Südwesten als Rarität auf.
Man mag sich nun fragen, wie es überhaupt möglich ist, hier zu überleben?

Es ist möglich!

Die Top 5 der Überlebensstrategien in Schwaben:

5: Sich nicht in Gespräche über Krankheiten hineinziehen lassen. Es gibt z.B. das „Schlägle“, den Schlaganfall, das Ranzenweh, den Wochendibbel und den Lugabeutel, der entfernt wurde. Wird endlos ausgewalzt, mitsamt aller Gebrechen, die sich in der Ahnentafel finden. Nach Erreichen des 50zigstens Lebensjahres überfällt den Schwaben das zwanghafte Bedürfnis, jedem Apotheker seine komplette Krankheitsgeschichte zu erzählen.
4: Entweder ganz weit wegziehen oder vor Ort bleiben. Berlin or not!
Der Schwabe erträgt andere schwäbische Dialekte nur ganz schwer. Er kann klar differenzieren, aus welchem Dorf er stammt. Ein Älbler wird den Stuttgarter Raum phonetisch als Ausland empfinden, ein Anwohner der Illergegend kann wegen des rollenden „R“ Schwierigkeiten im Balinger Raum bekommen, wo man schon alemannischen Einschlag hört. In Berlin ist das egal. Alles Schwaben, alle gleich, das verbindet.
3: Die Schrate suchen, die Eigenbrötler, die aus der Art Geschlagenen, die Wüste lebt, unverhofft, Ohr haben, ein Gespür, Zeit, ach was weiss ich, dann lernt man sie kennen. Das ist nicht von der Stange hier.
2: Farbe bekennen. Schwabe oder nicht, das ist die Frage, wenn schon, denn schon. Den eigenen Dialekt akzeptieren und an der Ausbaufähigkeit arbeiten. Es gibt nichts Schlimmeres als die unfertige schwäbische Kopie des Hochdeutschen, wie man es bei Politiker oft hört.
Oder die grausige Lightversion des Dialekts in Fernsehserien.
1: Humor. Das Gegenmittel. Wenn man genau hinhört, dann fallen sie auf, die kleinen Nettigkeiten. Das Butzele, das Anmienaschlupferle, das Hennadäbberle und „Mir gebet nix!“

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Klick to gugg:
I’ll find my way home (hanoi)

12 Gedanken zu “Schwäbische Grübeleien

  1. Grandios! Warum nur wirkt das Ganze trotz der vielen Kritik so warmherzig normal? Wahrscheinlich aus lauter Südstaatlersolidarität auch wenn die Saale recht weit weg ist vom Neckar. Aber schlecht kopierte Dialekte nerven tatsächlich wie Hölle. Entweder man kann’s oder man lässt es.
    Wer da zum Beispiel schon alles sächsisch imitieren wollte und obendrein der Meinung ist, alles was südlich von Berlin im Osten lebt muss jeden Satz mit „ei verdibbch!“ einleiten! KOTZ!

    Keel find ich doch irgendwie übersetzbar: Ich hab so’n Hals! Gleich platzt mir die Kehle, wenn ich nicht gleich losbrülle!“ Nur ma’so als Idee.

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  2. Danke! Du hast diese Ambivalenz bemerkt, die ich empfinde, wenn die Mundart so seltsam gestrig-betulich gepflegt wird, etwa in den „Mundartwochen“, was mich endlos langweilt. Und dem bissle Stolz, ein „native Speaker“ zu sein, der Ahnung, dass das etwas ganz Eigenes ist.
    Das etymologische Wörterbuch des Schwäbischen beschreibt kehl oder kähl sehr treffend mit (ich zitiere): Unschön, abstossend, abscheulich, neuerdings auch als Ausdruck positiver Steigerung. Es dürfte an Verwandtschaft mit „Qual“, „quälen“ zu denken sein. Zitat Ende.

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  3. Wie findest du „Hannes und der Bürgermeister“?
    Ist das schon scheußliche TV-Dialekt-light-Version oder geht das noch durch die Geschmackskontrolle?

    Ich mag meinen hallensischen Saaletal-Accent eigentlich ganz gerne, auch das herrlich falsche anhaltinische oder das sogenannte „Mansfelder Drecksdeutsch“, weil da irgendwie sogar die Assi-Wut noch witzig klingt. „Je’he mior ausm Weech un machen’nKoppzu,sonst hau ich dich de Lichdor digge!“
    „Blitzgriech heest Blitzgriech, weil mor wie dor Blitz eehne reingricht!“
    „No ja doch nu-ur!“(Das nu-ur ist halb zu „singen“: „nu-u-hur“ und deshalb irgendwie nicht schreibbar).

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    • Hannes und der Bürgermeister …. ich hab das nur in Ausschnitten gesehen, und die fand ich nicht gut. Einer der wenigen, die das Schwäbische im Film rüberbrachten, das war Willy Reichert. Im Tatort spielte er mal einen Geldfälscher, einen 50 DM Schein pro Tag mit der Hand! Schwäbische Gründlichkeit!
      Musikmäßig ist die Ausbeute ganz mager. Au weh, da sieht’s schlecht aus.
      Mir fallen nur zwei Bands ein, zum Ersten die „Kleine Tierschau“ aus Stuttgart (Schtuagärd – was macht der VfBeee) und „Schwoissfuas“ aus Bad Schussenried – schon lang her. Judube hat ganz viele Filmchen vom Dodokay, seine Starwarsversion, sprachlich ein Stonehenge des Schwäbischen.

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    • Das würde mich interessieren.
      Heute habe ich übrigens eine neue Variante der schwäbischen Bejahung gehört. Das Wort „super“, aber in einer anderen Aussprache, meist nach einem nasalen „Ooooo“.
      Bedeuten tut das dann „Ganz schlecht“

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    • Schon wieder das schwäbische Wörterbuch gezückt. „Gras“ drückt hier wohl das nicht städtische, das Minderwertige aus. Es gibt wohl auch den Grasaffen, das hab ich noch nie gehört.
      Wenn wir schon beim tierischen sind: Es gibt hier das „Muggaseggele“, davon spricht man, wenn es um Millimeter geht. Gemeint ist das Geschlechtsorgan der Stubenfliege.

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  4. Eine Leserin schreibt:

    Ich habe schallend gelacht, Gratulation!
    Das Muggaseggele lässt eine schwäbische Reinkarnation in Erwägung ziehen, so schön ist es. Vielleicht als Stubenfliegin.
    Im Fränkischen spricht man übrigens von „ums Arschlecken“, wenn es um Millimeter geht. Liegt witzigerweise ja gar nicht so weit auseinander.

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    • Hano, das freut mich.
      Aber eine schwäbische Reinkarnation? Im Land, wo die Leute zum Lachen in den Keller gehen?
      Das Allgäu soll ähnlich sein. Unlängst hörte ich im Radio ein Interview mit einem Allgäuer, der da meinte: Wenn man 10 Allgäuer übereinanderlegen würde (Transkription in Schriftdeutsch), dann wäre der Unterste genauso verdruckt wie der Oberste.
      Verdruckt lässt sich ganz schwer übersetzen: Maulfaul, kontaktscheu, ungesellig, eigen ……. und eben zusammengedrückt.

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      • Eine Leserin schreibt:

        Und dann doch überraschend warmherzig:
        Ich bin mit der Fähre über einen großen schwäbischen See gefahren. Während der Fahrt bemerke ich, das einer meiner Ohrringe fehlt. Am anderen Ufer angekommen, gelingt es mir, einen der Fährleute davon zu überzeugen, dass ein verlorener Ohrring für mich eine persönliche Katastrophe
        darstellt, die er abwenden könnte, indem er auf der anderen Seite anruft und einen seiner Kollegen bittet, die Pier abzulaufen und nach ihm zu suchen. Dieser wird aber nicht fündig. Ein weiterer Kollege, die Dramatik der Situation erkennend, schlägt vor, dass ich (ohne Fahrschein, er spricht mit einem weiteren Kollegen, um die Sache klar zu machen!) selber mit der nächsten Fähre zurückfahre und mein Auto so lange auf dem Behindertenparkplatz (Ausnahmegenehmigung) stehen lasse.
        Ich setzte also wieder in den Starthafen über, wo man, also Mann, mir bedauernd mitteilt, dass der Ohrring nicht zu finden war. Ich finde ihn auch nicht und fahre, ohne Ohrring, aber mit einem Angenehmüberraschtsein (und wieder kostenlos) zurück zu meinem Auto. Dazu ist noch anzufügen, dass ich die Fünfzig bereits hinter mir gelassen habe.
        So können sie dann auch sein, die Schwaben.

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  5. Muss der Bodensee gewesen sein ….
    …. und das genau ist das fast schon Wunderbare. Überall. Mit den Leuten reden. Oder sie fragen. Da dreh ich die Hand nicht herum für Schwaben, Bayern, Hessen, Franken oder wie sie alle heissen, oder egal, von jedem Ort der Welt her.

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