Golden Oldies

Wie immer war ich daran unschuldig, dem mir eigenen Hang nach Grossprojekten einmal mehr nachgegeben zu haben. Einzig und allein dafür verantwortlich ist der Besitzer des letzten Plattenladens hier im Ort.
„Dich gibt es auch noch?“ entfuhr ihm das Wort, als ich einen Besuch in sein Kellergeschoss geleiten musste. Auf Bergen von Vinyl und CD’s sass der Mann dort, früher wäre das für mich die diesseitige Vorwegnahme des Paradiesgärtleins gewesen, heuer schien ich den Keller der eigenen Erinnerungen zu betreten.
Ich höre seit Jahren keine Musik mehr an, das hat einfach aufgehört, über Gründe muss man nicht reden. Es gab deren einige.
Eigenartigerweise überkam es mich wie ein Zwang, nach langer Zeit in die Gewölbe der hier gelagerten Musikaliensammlung hinabzusteigen und der beinahe schon wahnhafte Gedanke entstand, das alles noch einmal anzuhören.

Und zwar chronologisch, wenn schon, denn schon so ein wenig historisch verbrämt. Völlig überflüssig zu schreiben, dass sich die Hörgewohnheiten nach all den Jahren verändert haben. Schon allein deshalb, weil kein endlos fliessender Strom mehr an das Ohr gelangt, neigt man dazu, genauer hinzuhören.
Nachdem ich jetzt im Jahre 1958 angelangt bin – es ist nicht wenig, was sich da in den Gewölben angesammelt hat – bin ich um einige Erfahrungen reicher geworden. Es liegt mir dabei völlig fern, das zu verallgemeinern, irgendwelche Kritiken als allgemeines Mass hinzustellen, irgendjemand zu nahe zu treten, das ist alles völlig subjektiv.
Erstaunlicherweise haben sich viele der großen Hits, die für mich einst totgenudelten Ohrwürmer gut erhalten. Denen tat die Stille sichtlich gut. Altem Wein gleich reifte da einiges heran. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, Sachen wie „That’ll be the day“ von Buddy Holly, „Only you“ von den Platters oder „I got stung“ von dem seligen Elvis noch einmal mit Genuss anhören zu können.
Klassiker scheinen Klassiker zu bleiben.
Aber der Eindruck täuscht. Ich begann so manchen der alten Helden unerträglich zu finden, nicht mehr aushaltbar. Chuck Berry etwa. Ich kann es jemand, der damals das dreissigste Lebensjahr schon erreicht hat, einfach nicht abnehmen, wenn er über „Sweet Little Sixteen“ oder über „Schooldays“ singt. Oder Fats Domino, der den musikalischen Mehlsack entdeckt hat, der immer staubt, so lange man auch darauf schlägt. Das eine klang für mich verspätet pubertär, das andere behäbig monoton
Ein weiters Kapitel: „Collector’s Items“: Obskurer Kram von musikalischen Trittbrettfahrern auf noch obskureren Plattenfirmen. Nach Jahren der Abstinenz hört sich das belanglos an, weil es wohl auch wirklich belanglos ist. Wurde alles Opfer des akustischen Bildersturmes hier in den Gewölben. Teig wird nicht besser, wenn er ausgewalzt wird.
Wenn es etwas gab, was in den Gehirnwindungen hängen geblieben ist, dann waren es nicht, mit einer Ausnahme, die Bleichgesichter, sondern es war der R&B. Diese Jungs hatten es einfach drauf. Ob Chuck Willis mit „What Am I Living For“, die Chords mit „Sh-boom“, Smiley Lewis mit „I Hear You Knockin'“ oder „Hearts Made Of Stone“ mit Otis Williams und viele mehr, das alles hatte keine Patina angesetzt für mich, wohl deshalb, weil es schon immer Patina hatte. Das klingt noch heute originell, witzig, manchmal auch ein wenig dirty, das haben die Bleichgesichter nämlich nicht verstanden, den Slang damals.
Und die Ausnahme? Elvis. Das war das erstaunlichste Ergebnis der Grabungskampagne bisher. Da stimmte alles. Ein extrem gutes Händchen für feine Songs, gute Musiker, gute Stimme, erstklassige Produktion. Es war einfach das Zusammentreffen der Momente, was ihn für mich heute aus der Menge an Musik erhebt, die ich mir durchgehört habe. hat mich überrascht, mit dem hätte ich nicht gerechnet.

Das Jahr 1959 steht nun an, es werden Namen auftauchen, Sam Cooke mit seinen großen Hits, Roy Orbison, Jackie Wilson, der frühe Johnny Cash, bin gespannt, wie die sich anhören werden, ich kann das überhaupt noch nicht sagen.

6 Gedanken zu “Golden Oldies

  1. Na endlich mal wieder ein Beitrag. Sehr interessant und vielen Dank dafür.
    Mit etwas mehr Zeit werde ich versuchen, ebenfalls unter die Klangarchäologen mich zu begeben.
    Ich bin gespannt, welche aufbewahrungswürdigen Funde dabei ans Tageslicht kommen werden.

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  2. Welcome back. Was half die Blockade zu überwinden?
    Wie beängstigend ähnlich wir uns doch in dem Punkt sind, dass der Musikkonsum so verdörrt.
    Hoffendlich erreiche ich deinen krasse Entsagungstatus nie! Dass aber weniger mehr ist, bestätigt sich vor meinen Ohren auch. Zwar würde ich nicht soweit gehen – schwarz-weiß Trennung und so … Buddy Holly geht in jeder Darreichungsform, Marty Robbins auch, Ersel Hickey(Was für ein Name!)nicht minder (natürlich nicht alle massenhaft am gleichen Tag!) und Sanford Clarks Steifheit wird im bear family Booklet gut erklärt – quasi ein amerikanischer Prä-Roy Black.
    Und Elvis – klar – über alle Zweifel erhaben. Sogar aus seinen Filmsongs lässt sich noch das eine oder andere filtern.

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    • Warum ich mal wieder schreibe? ich bin nicht der Blogger vor dem Herrn. Oft denke ich, jetzt solltest du mal was schreiben, dann fällt mir nix ein. Heute war das anders 🙂
      Bingo. Buddy Holly, der gehört mit in das Boot, der fängt erst an. Marty Robbins hängt mir mit „Singing The Blues“ fest in den Windungen, aber sonst war da nix 1959. Und Ersel Hickey (woher kennst man den?) mit „Bluebirds over the Mountains“ ebenso, imho One Hit Wonder. Der Sanford Clark kam noch gar nicht mit „The Fool“. Aber arg viel mehr wüßte ich auch nicht von ihm.
      Ich will da gar nix behaupten, ob jetzt schwarz gegen weiss anliegt (1958 konnte man das noch so sagen), oder wer besser ist, ich hab bloss das Zahlenverhältnis bei mir angeguckt, das geht gegen 9:1 für R&B. Liegt mir womöglich mehr.

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  3. Das schönste Lied von 1958 ist doch tatsächlich der „Hit des Jahres“: Tommy Edwards mit „All in the game“ – DAS krieg ich NIE über. Und in der Van Morrison Fassung ist es grottig.

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