Offline

Ich hab den Verdacht, dass es die Bauigel waren, die hier die Strasse aufreissen und dabei das Internetkabel kappten. Die hantieren nicht eben feinchirurgisch im Erdreich, da wird so richtig gehobelt, da fallen auch Späne. Das Internet war weg. Und das Telefon.
Es erwischte mich gleich auf dem falschen Fuss, da ich die Öffnungszeiten vom Finanzamt abchecken wollte. Ging nicht.
Ging doch. Nach einem wahren Husarenritt durch die verstopfte Innenstadt kurz vor Ladenschluss schaffte ich es, von einem überaus netten Beamten alle Formulare in 4-facher Ausfertigung zu erhalten. Einfach so. Ich hab den Handzettel mit den Öffnungszeiten reflexhaft an mich genommen, so zerrüttet war mittlerweile das Vertrauen in’s Internet. Danach gleich noch einige lange aufgeschobene Gänge erledigt. Dabei fing ich wieder an, mich zu wundern.
Muss erst das Internet zusammenbrechen, dass man auf Naheliegendes kommt?
Den Provider hab ich nicht genervt, die werden das schon richten.
Man denkt dann schon darüber nach, ob sich da eine Abhängigkeit entwickelt haben könnte. Die Antwort für mich war: Teils teils.
Als erstes störte mich, dass ich den Lauf des Isonzo nicht schnell bei Gugelmaps nachschlagen konnte. Ein Atlas federte das Problem ab. Das zweite war, dass es nicht herauszubekommen war, wann die Brauerei Leiner geschlossen wurde.

Das war’s aber dann schon. Ich hab den Abend herumgebracht, nicht sanft umgebracht (angelehnt an Hermann Hesse). Ich musste nicht mal auf die Bücherwand zurückgreifen, nahe Angehörige fanden mich in Gedanken versunken auf der Terrasse, der Schlappheit nachgebend, die die Hitze des Tages einforderte.

Heute morgen war mir das schon viel egaler. Die Steuererklärung lag an. Ging auch ohne Internet, die Bücherwand konnte helfen…. wobei das heuer kompliziert war mit den Formularen.
Der Isonzo war geklärt, das ist der Fluss, den ich suchte, als das Internet ausfiel. Die Brauerei Leiner erfolgreich verdrängt.
Als dann die Lichtlein am Rooter eines nach dem anderen wieder in Betrieb gingen und ein stilles Dankgebet an den Provider vollbracht war, dann wollte sich keine Befriedigung so recht einstellen.
Heimatland, wer benutzt hier eigentlich wen? Fragen über Fragen. Würde eine Fastenzeit noch funktionieren, wenn man das Internet einschränken müßte?
Muss jede Antwort auf jede Frage sofort auf den Monitor?
Den Name des Isonzo werde ich nie vergessen, das war der Fluss, den ich im Atlas suchen musste.

Ich hab den ganz leisen Verdacht, dass ich mich einen Tick zu viel an den ganzen Onlinekram gewöhne. Und den etwas lauteren Grund zur Annahme, dass das gar nicht nötig ist.

8 Gedanken zu “Offline

  1. So wahr so wahr. Heute erguggeln wir Dinge, und vergessen sie sofort. Hat man aber lange darüber nachgedacht, evtl. sogar mit anderen diskutiert, es mühevoll nachgeschlagen, merkt man es sich. Zu 50% jedenfalls. Uns gings mal so im Wald, an einem langen Winterabend, als wir die vier ersten Präsidenten der USA „suchten“. Jemand wollte immerzu guggeln, wir verboten es ihr, damit waren wir dann eine Stunde mindestens beschäftigt, diskutierten beim überlegendiskutieren noch dies und das.
    Trotzdem, all meine englischen und französischen Wörterbücher werde ich demnächst in eine Unterkunft für Geflüchtete tragen. Ich verlass mich da mittlerweile voll und ganz aufs Netz. Die Geflüchteten können die Bücher sicher besser gebrauchen

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    • Von der Bücherwand werde ich durch nix in der Welt abzubringen sein. Darauf bin ich schon seit meiner Kindheit konditioniert ….
      Dazu ist das Internet allemal eine sinnvolle Ergänzung, wenn man schnell ein Bildchen vom Westportal von St. Nimmerlein braucht, um irgendwas vergleichen zu können.
      Wie oft habe ich schon Sätze gehört wie „ich hab in der Wikipedia mal gekuckt, aber alles wieder vergessen“ (zum letzten Mal heute). Wozu sich auch irgend etwas merken, wenn man doch immer und überall darauf zugreifen kann. Da wird doch im Hirn gar nichts mehr formatiert, gewichtet oder vernetzt, das führt oft zu wahren Faktenfriedhöfen ……

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      • Nuja, von meiner Bücherwand werde ich mich auch nicht trennen, was Lyrik, Belletristik und Sachbücher betrifft, Bildbände und eigentlich alles. Nur Die Wörterbücher eben, die nutze ich wirklich nicht mehr. UNd manche Bücher, die, nuja, ein Fehlkauf waren, werden getauscht. Oder entlassen. Aber grundsätzlich bin ich kein E-Book-Leser und als ich gestern nach dem Aronstab suchte, von dem ich nur vermutete, dass es der Aronstab war, suchte ich erst mal in diversen Lexika im Regal.

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  2. Ächz. Hach ja. es ist eine neue Sklaverei. Eine elektronische. Wie wird sie enden? Oder – wodurch?
    Längst häng ich am Tropf ohne es zu wollen. Viel zu viel zeitgeht „im Netz“ verloren. Auf Arbeit geht nichts mehr ohne. Handy und Whiteboard noch dazu… Bord-Computer im auto und Multifunctionslenkrad, dass lauter Sachen kann – die man nicht braucht… Ächz.
    Kalter enzug wär schon – aber dann fehlt der Gesprächsstoff mit den lieben Mitmenschen gleich ganz, wenn man ablehnen müsste bei „Ich schick dir ne Mail …“… „Wir skypen“…schon schlimm genug, dass ich nachwievor verneinen muss, wenn die Aufforderung kommt: Gib mal deine Handynummer!2
    Die Blicke, wenn ich bekennen muss: Ich hab keins.
    …. och nö… das Thema ätzt.

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    • Ich merk das auch bei der Bloggerei. Wenn ich mal einen Monat keine Lust habe, und mir fällt nix ein, dann lass ich es eben, dann bleibt auch die Kiste schwarz. Obwohl und man sollte und wass weiss ich.
      Aber dann gibt es wahre Bracher an Fundgruben:
      Das „Historische Farbdiaarchiv zur Wand- und Deckenmalerei“ ist so ein Ort, da hab ich so darauf gewartet, da könnte ich ertrinken.
      Oder die Lexika: Das DDR Lexikon, das historische Bayerische Lexikon ….. blah blah.
      Hätte ich das alles in Buchform, ich wäre wohl geschieden und verarmt und auf 5 qm Wohnfläche herabgesunken.
      Das ist die Sucht hinter der Sucht.Ein Abend auf Spurensuche gehen nach Johann Baptist Enderlein, dem Maler aus Söflingen …….. das Fachbuch kostet halt 50 € und ist vergriffen oder hoffnungslos veraltet. Und da noch ne aktuelle Doktorarbeit obendrauf.
      Aber mit der Sucht muss ich halt leben. Man kann dann in Museen und Bibliotheken herumwandern, virtuell, wenn man Lust hat, auf der Terrasse eine rauchen oder sogar in der Küche mal was essen.
      Es fehlt einem schon was, wenn man offline ist …….

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