Wortspiele

Es tut sich wieder was an der schwäbischen Alb.
Die Stadt, deren Name hier nichts zur Sache beiträgt, die bekommt jetzt nämlich einen Kulturpark. Von Kultur versteht man hier jede Menge.
In Sachen Kultur ist der Ort eine Hochburg, wie etwa Köln für den Karneval eine Hochburg ist, oder etwa Mainz.
Ich darf etwa erwähnen das Naturtheater, das Don Camillo und Peppone zeigt oder „Pippi Langstrumpf“ im Programm hatte. Oder die Stadthalle. Na ja, da tut sich derzeit nicht so arg viel, ein bisschen Comedy, die Chippendales, Musicals, die essentielle Hochzeitsmesse, Kindertheater und zum guten Glück darf die Philharmonie wieder mehr ran, die ist wirklich echt gut.
Wir haben auch ein Weindorf, mit den singenden Weindorfwirten und dem obligaten Fässerwettrollen. Kann man darüber weinen, muss man nicht. Die schwäbische Alb ist ja weithin bekannt als exzellentes Weinanbaugebiet. Im Mittelalter auf jeden Fall.

Eines der kultigsten Highlights ist das Mutscheln, ein sternförmiges Gebäck wird mit Alkohol und bei anspruchsvollen Würfelspielen gemeinsam verzehrt.

Nix wie her also mit einem Kulturpark, der den Bürgerpark ergänzen soll.
Dieser Bürgerpark ist total klasse, er hat nur einen winzigen Haken: Die Bürger gehen dort nicht gerne hin. Vielleicht weil er ein bisschen viel betoniert ist und das zaghafte Grün auch nicht so recht wachsen will. Das verweigert den Dienst, ein paar von den Bäumen haben sie zur Diagnose ausgebuddelt, es steht noch aus, was denen wirklich fehlt.
Äußerst günstig die Gastronomie, zum Selbstkostenpreis, denn Essen und Trinken muss man mitbringen. Ausser wenn eine Veranstaltung in der Stadthalle wäre und gesetzt dem Fall, man würde da reinkommen, dann bekäme man eine Flasche Mineralwasser für schlappe 4,60 oder so.
Na ja, im Kulturpark sind „Wasserspiele“ geplant. So nennt man hier jetzt Springbrunnen. Für läppische 1,5 Mio. Dass man da zu klamm ist, den traditionellen Springbrunnen vor dem Bahnhof, der unter großen schattenspendenden Bäumen viel frequentiert wurde, zu sanieren, für 60 000, das liegt auf der Hand. Dafür aber jetzt „Wasserspiele“ wie im Schlosspark Heilbrunn.

Und eine Skateranlage. Macht ja Sinn. Wenn das keine Kultur ist?
Imho okeo.

Das Beste am Bürger- und Kulturpark ist die festliche Umrahmung, die das Ganze garniert. Diese besteht aus einer vier- bis sechsspurigen Durchgangsstrasse. Mit gnadenlos hohen Feinstaubwerten, versteht sich. Und dem zentralen Busbahnhof, kurz ZOB genannt, dem beliebten Treffpunkt einer anderen Art von Kultur, einer Subkultur, da wollen wir nicht näher darauf eingehen.
Dass da die Investoren für ein anfangs geplantes Hotel mit Steg zum Schloss Schönbrunn, äh, zur Stadthalle reihenweise abspringen, das kann einen nur wundern. Der Steg wäre toll gewesen, von der Tagung rüber in’s Hotel. Dass der Steg über die Vierspurige nur ein läppriges, ungern benutztes Provisorium ist und bleibt, das tut absolut nichts zur Sache, den brauchen die Tagungsteilnehmer nicht. Und immerhin gibt es dieses Quartal eine Tagung. Oder auch zwei, jedenfalls viele.
Jenseits des ZOB und der Vierspurigen sieht es nicht so prickelnd aus. Kubische Klötze der Siebziger, ein Matratzenladen, und in der zweiten Reihe reihenweise vor sich hinbröselnde Altstadtsubstanz mit verblichenen Einzelhandelsgeschäften, feinstaubergrauten Fassaden und blinden Fenstern.
Eines der ältesten Fachwerkhäuser Süddeutschlands hat man rein versehentlich eliminiert. Kann ja mal vorkommen, wenn man die Kultur auf dem Schirm hat. Ein paar andere alte Bruchbuden werden die Kurve auch nicht mehr kriegen, weil man nämlich kein Geld hat dafür wg der Wasserspiele.

Das ganze hat einen Vorteil, den die Meisten noch gar nicht wahrgenommen haben: Die Stadt bleibt vom Tourismus weitgehend verschont! Kein Japaner würde auf die Idee kommen, seine Reisebusse hier anzudocken.
Es gibt keine Läden mit Kuckucksuhren, Beschlägen für Wanderstöcke und Bierkrüge mit Bürgerparkaufdrucken, der Kelch ist an uns vorbeigegangen.

Obwohl die Stadt ihre Gäste durchaus standesgemäß empfängt. Zum Beispiel die aus Karlsruhe. Anlässlich eines Fussballspiels. Wer sich von dort die Mühe machte, mit dem PKW anzureisen, wurde auf den Parkplatz eines malerisch gelegenen ehemaligen Baumarkts umgeleitet und mit Bussen weitergeshuttelt. Zum Empfang standen über 1000 Ordnungshüter Spalier. Das ganze kostete nur mal 500 000 Ocken.
Ein Schnäppchen.
Wenn der Verein hier nächstes Jahr den DFB Pokal holt, was klar zu erwarten ist, dann trauert den 8 Brunnenanlagen, die man damit hätte sanieren können sowieso kein Mensch mehr nach.

Was kommt als nächstes? Wird die Linie 8 in „Magical Mistery Tour“ umbenannt? Das geplante Burger-Restaurant in „Am Brunnen vor dem Tore“?

Schaunmermal.


15 Gedanken zu “Wortspiele

    • Was hab ich schon drüber nachgedacht, um darauf zu kommen, was die Ursachen dieser Mischung aus provinziellem Spassbürgertum und dreister Wortverdrehung sind.
      Fehlende Anbindung an einen großen Fluss? Das Einzugsgebiet, das aus Teilen der Alb besteht? Altwürttemberger Pietismus?, starke FDP? …. Keine Ahnung.

      Gefällt mir

    • Die Serie wird fortgesetzt. Hier gibt es nämlich auch noch eine Markthalle, die keine ist und eine Betonburg als Rathaus, die unter Denkmalschutz steht, eine Strasse, die „Unter den Linden“ heisst ohne jedes Grün und so weiter ……

      Gefällt mir

      • Eine Leserin schreibt:

        Sehr gut, ich freu mich darauf! Es kommt immer darauf an, was man draus macht…
        Und was die Bemerkung von Frau Inch betrifft: Daran kann man erkennen, wie alt die Problematik schon ist.

        Gefällt mir

  1. Du bist nicht allein, sleeper – pardon – crownbender: Das ganze Land Brandenburg hatte vor ein paar Jahren einen Fördergeldregen, Gott weiß woher, und da dachte sich unsere unfehlbare SPD-Kamerillia: „Nu investian wia ma so richti‘ in Infrastruktua!“ Rumms: Im ganzen Land entstand ein Spaßbad nach dem anderen – weil nämlich ganz Deutschland – ach was – ganz Europa dann sagt: fahrma ma in the Preußen-Prärie zum Planschen. Zwei oder drei Jährchen später kamen die Hilferufe der Kommunen: Wasser-, Rettungsschwimmergehälter-, Abflussreinigungs-, Desinfektions-Kosten: Land hilf! Die Besucherprognosen gehen nicht auf! Oooorrrrr, staun! Da wundern wir uns nun aber sehr!

    Gefällt mir

  2. Die Spassbäder …..
    da haben hier einige schon wieder dicht machen müssen. Hätte man euch Bescheid geben sollen. Schwierig, der Rückbau ….
    Nun ja, versucht man halt auf anderem Wege, den Tourismus hier zu päppeln. Mit „Premium Wanderwegen“ etwa, normale tun’s nicht mehr, mit Alb Guides, mit TrÜP Guides, die eine verhältnismäßig ideenarme Landschaft per Anglizismus aufpolieren sollen. Jetzt habe wir auch noch eine Biosphäre hier.

    Gefällt mir

  3. Wir vom Ulmer Gasthaus Donaufisch hätten da einen Vorschlag, der helfen könnte, die nicht genannte schwäbische Stadt, deren elender Zustand in dem Beitrag beklagt wird, für japanische Touristen (auch ohne den Heidelberger Kuckucksuhrenladen) attraktiv zu machen: Ivo Gönner hört in Ulm auf und stünde für ein paar Jährchen als mutiger Gestalter Reutlingens zur Verfügung.

    Wäre das was?

    Gefällt 1 Person

    • Der von mir sehr geschätzte Frank Zappa sagte mal, als man ihn zu seiner Präsidentschaftskandidatur befragte: „Could I do any worse ?“ – sinngemäß: „Könnte ich’s noch schlechter machen?“
      Unter diesen Vorraussetzungen würden wir Herrn Gönner zumindest einen Praktikumsplatz mit sechswöchiger Probezeit anbieten. Wenn da ein Schuh draus wird, dann darf er noch ein paar Jährchen hier weiter wurschteln.

      Das Gasthaus Donaufisch ist übrigens immer einen Besuch wert. Wenn man Ironie versteht, versteht sich 🙂

      Gefällt mir

  4. Wie verzehrt man denn anspruchsvolle Würfelspiele? *gg*
    Ein paar recht fotogene Ecken gibt es ja in Reutlingen und Umgebung, wenn man mal bei google sucht (und einen Wasserfall, zwei Dörfer weiter!). Den provinziellen Mief den Du beschreibst gibt es auch in der Großstadt häufig, der wird nur meist von anderen Gerüchen übertönt und fällt deshalb nicht so auf, aber wenn man genau hinguckt:
    Falsche Bäume pflanzen und wieder ausbuddeln: Hamburg Rahlstedt
    Alte Kontorhäuser weghauen und Einkaufszentrum bauen: Hamburg Neustadt
    Neuer „Park“ mit vielviel Beton, etwas Rasen und dreieinhalb Bäumen: Hamburg Hafencity
    von den unendlich vielen tollen „Shoppingmeilen“ und Outletdingsdas will ich gar nicht reden und unser Bürgermeister ist auch nicht so doll, der vorherige war sogar noch schlechter.

    Vielleicht gibt es in der Großstadt nur mehr Fluchtpunkte, die werden sich doch auch bei Euch finden lassen, zur Not muss man welche schaffen 😉

    Gefällt 2 Personen

  5. Genau das war jahrelang die Sichtweise von mir und ich versuch es auch immer wieder. Die Stadt so ein bisschen schönknipsen. Auf gut schwäbisch kann man aus jedem Rossbollen ein Veilchen machen.

    Schau dir die schönen Ecken an. Rausfahren an den Uracher Wasserfall, den Du sicher gemeint hast – es gibt dort übrigens noch einen viel schöneren an der alten Kartause bei Güterstein, ein Fluchtpunkt erster Klasse!

    Das funktionierte auch eine Weile ganz gut. Es gab und gibt einige Fluchtpunkte. Und da, wo angesetzt wird, auch diese noch platt zu machen, da fange ich nun an, sauer zu werden. Weil es einfach viel weniger gibt als in Hamburg.

    Ich neige leider so zu Rundumschlägen, verbalen, wenn schon, denn schon. Mich hat in erster Linie dieser Umgang mit Begriffen geärgert, der aus einem leeren Park einen Bürgerpark macht, aus einer Halle ohne jede marktähnliche Aktivität eine Markthalle und aus einem Platz mit einem teuren Springbrunnen gleich einen Kulturpark.

    Mir tut sie auch leid, diese geschundene Stadt.

    Und da ist das Vergrößerungsglas, das Du in HH nicht so brauchst, das ist hier auf engeren Raum komprimiert. Womöglich regt’s mich deshalb etwas mehr auf ;-).

    Das mit den Würfelspielen hab ich mal korrigiert. Danke …..

    Gefällt mir

  6. Wenn ich das nächste Mal Freunde in RT besuche, werde ich die Stadt mit anderen Augen sehen. Übrigens, nach der „Flucht“ von der Alb in das Café in Zwiefalten und mit dem Bus nach RT, kam mir der Ort wie eine Weltstadt vor. Sonst allerdings zugegebenermaßen auch nicht. Da habe ich lieber drüben im hochnäsigen TÜ gewohnt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s