Gedankenkramen

Es gibt eine neue Literaturgattung, wie kaum eine andere dazu geeignet, ihre Leser in den Zustand der Torschlusspanik zu versetzen. Es fing an mit 100 Büchern, nein, mit gar 1000 Büchern, die man gelesen haben sollte, bevor man stirbt. Und davon idealer weise je eins an den 1000 Orten, die man besucht haben sollte, bevor man sich in die Urne setzt.
Bei den Plätzen, die man besuchen sollte, da sieht’s bei mir ganz schlecht aus, irgendwie lieg ich verkehrt.

Die Kartause in Buxheim ist nicht dabei, eben so wenig der Busbahnhof von Kehl.

Die Stadt, in der ich mich meist aufhalte, weil ich da wohne, die fehlt in der Sammlung. Nicht einmal ein Buch über 111 Orte in dieser meiner Stadt gibt es, das ich mal abarbeiten könnte.
Mir würden in aller Bescheidenheit auch keine 111 Orte in den Sinn kommen, die man hier besuchen soll. Mehr als 23 sind mir heute nicht eingefallen, einer davon die eigene Wohnung, das gilt aber nicht. Und ich habe lange gegrübelt.
Ich hab mir eher überliegt, in einem Blog 111 Orte zu beschreiben, die man hier NICHT gesehen haben sollte, aber interessieren würde das keinen Menschen. Wer will denn schon wissen, wie es bei meinem Zahnarzt ausschaut oder in der Cafeteria des Möbelhauses, das mir ständig Gutscheine schickt für ein Weißwurstfrühstück. Ich lass das besser bleiben.

Was ich mir auch vorgenommen habe, bleiben zu lassen ist weiteres persönliches Technologieupgrade.
Ich habe beschlossen, mit dem Gefühl zu leben, dass ich mittlerweile den Zenith erreicht habe. Ich trauere ganz heftig meinem alten Handy hinterher. Das hab ich zwar nie benutzt, es war aber schlagfest und fast wasserdicht und der Akku hielt eine halbe Ewigkeit. Ein prima Wecker also.
Was hab ich von einem Smartphone jetzt? Ich habe ein leeres-Akku-wenn-ich-es-brauche-Gerät in der Tasche. Zuerst war ich ganz begeistert von der Aussicht auf all die Vorteile. Ich hab es sogar als elektronische Strassenkarte für’s Auto benutzt. Um genau zu sein: Einmal. Seither frage ich wieder echte Menschen nach dem Weg und da kriege ich oft wesentlich zutreffendere Antworten als von so einer lallenden Box. Nun ja, zumindest als Wecker ist es noch halbwegs brauchbar.
Ich hab mich schon ertappt, als ich mich in meiner Wohnumgebung nach Elektronik umsah, die ich downgraden könnte. Dabei ist mir gleich mal die elektronische Personenwaage aufgefallen, die ich sofort bereit wäre, zu ersetzen. Und als nächstes werde ich mir wieder eine Sanduhr hertun, die nicht piepst oder sonstige nervige Geräusche von sich gibt, wenn das Ei durchgekocht ist.

Um nochmals auf die 1000 Orte zurück zu kommen: An einem war ich nun doch unlängst, es braucht niemand zu wissen, wie der genau heisst. Mir fiel auf, dass die Japaner und die Inder und bettelnde Roma diesen Ort auch zu kennen scheinen. Und was weiss ich wer sonst alles noch. Stressig unterm Strich. Immerhin hab ich versucht nach dem Motto „Jugend forscht“ herauszubekommen, ob man mit einem Smartphone gute Bilder vom Innenraum einer frühgotischen, noch sehr düster wirkenden Kirche machen kann. Es klappt nicht wirklich. Eine kleine Spiegelreflex macht Bilder, die einen kleinen Tick besser sind. Da war ich wieder beruhigt.
Nun genug gejammert und geklagt über die Zeichen der Zeit.
Und zu etwas sehr sehr Postivem: Der hiesigen Kulturnacht.
Nun ja, die meisten Angebote waren etwas schräg. Schwäbisches Kabarett nach dem Motto „Witz komm raus, du bist umzingelt“ oder Showtanz in der Stadthalle, auch nicht so mein Ding.
Aber im Innenhof des ehemaligen Spitals zum Heiligen Geist, da war eine wunderschöne Illumination zu sehen.
Der Mann, der dafür verantwortlich ist, der heisst Matthias Rapp und der hat mir erklärt, wie das alles so mit den Beamern funktioniert und wie er da tüfteln mußte, dass das alles so tut wie es tun sollte – beeindruckend. Ich sass in dieser stillen Ecke lang so vor mich hin und war ihm unendlich dankbar für diesen Abend.

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15 Gedanken zu “Gedankenkramen

  1. Ich unterschreibe deine Gedanken. Downgrade sollte zum Wort des Jahres 2015 gekürt werden.
    Die Illuminationen sind beeindruckend. Hätte ich gerne vor Ort gesehen.

    Für die Bembelstadt gibt es übrigens einen Führer für 101 Unorte. So viel ich weiss, ist das jetzt ein zweiter Band dazu erschienen…

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    • Die High-Tech Spinnerei auf dem Marktplatz hingegen ging voll in die Hose, ich scheiterte schon beim Herunterladen des benötigten Apps. Ein paar Leutchen standen dann hilflos herum und hoben ihre Geräte an die Fassaden der Häuser, um da hie und da bunte Fische schwimmen zu sehen, während die Mukke immer wieder aussetzte. Zudem ein vergessener Riesenpavillion vom Weltzahntag oder so die Aussicht eh versperrte…….
      Ich kam heute schon fast in Versuchung, mit der „Unorte“ Serie anzufangen, aber ich konnte mich nicht überwinden, bei dem schönen Wetter den hiesigen „Industriepark West“ zu besuchen.
      So heissen heute die ehemaligen Industriegebiete nämlich.

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  2. Ein Blogartikel auch in meinem Sinne. Was bedeutet, das Wegschaffen gewisser Überflüssigkeiten, da bin ich gleichfalls dabei. Eh fast alles. Mitnehmen geht nicht.
    Zweimal schon echte Straßenfeger nach dem Weg gefragt. Beide bellten mich an: Hammse kein Navi? – Voll empört waren die.

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    • Ich hab gestern das Wort Navi vergessen, danke, dass Sie es mir wieder in den Sinn brachten.
      Hab ich nicht, will ich nicht, brauch ich nicht.
      Ein letzter Auslöser für mein gestriges Posting war mein Tablet, das sich völlig sinnlos dem Einloggen in’s Netzwerk verweigerte. Das war’s dann halt eben mit dem Kram. War sowieso dauernd der Akku leer. Hab’s jetzt verräumt.

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  3. Nur soviel: ich habe ein Smartphone modernster Bauart und das ist schon toll. Verweigere mich manchen Nutzungen, was mit einer Art Steinzeitblick quittiert wird. Immerhin bloggen wir, was doch auch etwas aus unserer Zeit ist.
    Ich mag die Listen auch nicht, wenn mir auch der Film dazu gefällt, der mit Jack und Morgan.
    Im Übrigen sind solche Listen nur gut, wenn man ohne Plan zur Unsicherheit neigt und viel Spontanität verloren hat. Vielleicht aber rede ich mir das auch nur schön…,

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    • Es lag mir völlig fern, durch dieses Posting generell den Gebrauch von moderner Technik zu bewerten. Ich habe bloss für mich so das Gefühl, dass ich das nicht mehr ohne Not weiter ausbauen will.
      Und klar ist auch, dass man als Blogger moderne Techniken ganz offensiv nutzt und fraglich, wenn man als derselbe Blogger darüber schimpft. Das ist so, wie wenn man mit seinem Auto im Stau steht und sich fragt, was um Himmels willen all die Anderen hier zu suchen haben 🙂

      Nur mein armer Kollege, der musste für meine Befindlichkeit büßen, als er während einer gemeinsamen Arbeitspause mir ständig irgendwelche Schlagzeilen vorlas und ich mich laut fragte „ob ihm meine Gegenwart nicht ausreichen würde“.

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      • Ich wollte das auch weniger kritisieren, es waren eher so meine Gedankengänge in dem Moment…. ich wäre der erste der wegen Inkonsequenz alle Technik entzogen bekäme…. 😉
        Aber der Herr Kollege, vielleicht war es ja ein ganz positiver Hinweis an ihn, er ist also jetzt ein ‚reicher‘ Kollege!

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    • Bucket list heisst das also …. das wußte ich gar nicht. Aber diese Listen passen doch hinein in das Bild einer Event-Kultur, in der man wahre Heerscharen auf den Mount Everest krabbeln sieht, von jeder Brücke einer mit einem Gummiseil herunterspringt.
      Die Welt wird hiervon nicht schlechter, mir könnte das völlig egal sein. Und man hat dann endlich auch Gesprächsstoff. Auch gehöre ich genetisch sicher eher zu den Reizvermeidern als zu den Reizaufsuchern und kann das Eventhopping aus dem Erbgut heraus nicht verstehen. Was solls also.
      Aber ich möchte die Frage stellen: Geht es einem nach so einem erfüllten Wunsch wirklich besser? Oder weckt das nur die Begierde auf den nächsten Kick und so weiter und so fort?

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      • Ich denke Letzteres. Im Grunde soll doch diese Event- und bucket-list-Kultur uns den Eindruck vermitteln, dass wir unser Leben „im Griff haben“, was die blanke Illusion ist. Die einzige Sicherheit im Leben ist der Tod.
        Wenn man das akzeptiert, kann man sich entspannen und das tun, was man gerne möchte, statt dem was auf irgendwelchen Listen steht.
        Finde ich interessant, dass du dich als Reizvermeider bezeichnest. Ich habe nur eine vage Vorstellung, wie das aussehen könnte und habe daher einmal deinen blog abonniert um dahinterzukommen.

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  4. Sleeper leeeeebt!

    Hallo! In puncto Handy bin ich dir gegenüber weiter: Habe immernoch keins!
    Navi – auch nicht. Mein Sohn hat mal im Leihwagen-Navi den Weg zu Oma&Opa abgefragt. Nur so zum Spass. Mann, hätte ihn das Ding über Wald-und-Wachtelwege gelotst!
    Surroundanlage hab ich auch keine. Da bleib ich ehern bekennender Youngikaner. Sich bekennen zum Heiligen Neil: Zu 2 großen Boxen sollst du beten, jetzt und in aller Ewigkeit, amen!

    Das mit den ungeliebten Orten solltest du dir nochmal überlegen, da schlummert doch Glossenmaterial zuhauf! Was scheiße ist, lässt sich doch fantastisch durchn Kakao ziehen!

    Auch so Listenschreiberei mag ich eigentlich. Das sind momentane Zwischenbilanzen. Kann man selber eine Woche später drüber lachen, weil sich die Wertschätzung verschiebt – das isja auch normal. Man will ja geschmäklerisch nicht jetzt schon wie olle Erich H. im ewigen Schalmeienstadium stecken bleiben.

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  5. Das hat mich heute auch gereizt, als ich in der Innenstadt unterwegs war, mal ein paar solcher Plätze zu porträtieren. Ganz heisser Anwärter wäre der „Bürgerpark“, von dem unser Baubürgermeister ganz mantramäßig behauptet, dass er „gut angenommen“ werden würde, aber auch heute weit und breit kein Bürger zu sehen war.
    Nun, ich kriege Alpträume, wenn ich daran denke, dass irgendwann hier die Reisebusse mit den Japanern andocken und sich täglich hunderte von ihnen sich auf ihrer Europatour über die baulichen Visionen der dafür Verantwortlichen amüsieren!

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    • Hab ich über das Internet gescholten? Bei all meinem technikfeindlichen Gemecker läge das ja nahe. Aber da wäre ich ein ganz arger Zelot und Heuchler, wenn ich jetzt auch noch dahin eine weitere Breitseite lenken würde.
      Manche Bücher kann ich gar nicht mehr lesen, ohne mir Bilder aus dem Netz zu holen und bevor ich mich als Tourist portionsweise vor der Mona Lisa vorbeischieben lasse inmitten von Horden knipsender Mitreisender sitze ich lieber im warmen Büdchen hier und kann mir das mit einem Cappu gemütlich zuhause angucken.
      Wenn schon, dann geht’s mir eher um das richtige Mass, die berühmte Mitte, weder Amish noch Dauersurfer, irgendwie das so dosieren, dass ich noch in der richtigen Welt stehe.

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