Schlawinerzeit

Kunstgeschichte muss nicht unbedingt langweilig sein. Sicherlich gibt es Spannenderes, als mit dem Geodreieck Sterngewölbe zu konstruieren oder sich mit Backsteingotik bespassen zu lassen.
Aber man kann auf den Namen Lothar Malskat stossen. Und ratzfatz hat man eine kleine Geschichte beieinander, wie sie das Leben eben so mal schreibt.
Malskat war Maler. Malskat war Kunstfälscher.
Es begann 1937. Zusammen mit dem Restaurator Ernst Fey war er beschäftigt im Dom zu Schleswig. Er wurde ihm empfohlen als fähiger Maler, dem es überhaupt nicht abträglich erschien, fremder Leute Pinselstrich zu kopieren. Eine Partnerschaft ward in’s Werk gesetzt.
Man legte frühgotische Wandmalereien frei. Nur leider war nach Entfernung der Deckschicht nicht mehr viel davon zu sehen und es drohten massive Schwierigkeiten wegen des Verdachts auf „Zerstörung nationalen Kulturguts“. Ein Straftatbestand seinerzeit. Oha.
Malskat war zum Glück talentiert genug, ein paar Heilige an die Wand zu pinseln und das Fresko wäre problemlos durchgegangen, hätte ihn dabei nicht der Teufel geritten, dergestalt, dass er ausgerechnet ein Truthahnfries anfügte .
Ein Truthahnfries, unglaublich, das muss man sich erst mal geben!
Derartiges konnte nur  auffallen, um 1320 herum gab es in Europa keine lebendige Vorlage, um diesen Vogel abzubilden. Adler ja, Sperlinge auch noch, vieles mehr, aber in der Bibel wird der Truthahn nicht erwähnt. Keine Textstelle.
Es kam an das Licht.  Als nationalsozialistische Kunsthistoriker die Fresken feierten, unter anderem mit einem Prachtbildband, da fiel Malskat, inzwischen in Norwegen stationiert, aus allen Wolken – durchaus nachvollziehbar. Die Truthähne passten den völkischen Fachleuten ganz vorzüglich in’s Bild, denn das war ein eindeutiger Beleg für die Tüchtigkeit der nordischen Nordmänner, die weit vor Kolumbus diese Vögel in Europa einer staunenden Öffentlichkeit präsentierten.
Irren ist menschlich. Noch heute geistert diese These von den Vögeln der fabulösen Wikinger durch das Internet und ist einfach nicht tot zu kriegen.
Nach dem Krieg wurde es aber noch doller.
Zusammen mit Fey wurde der 1942 schwer zerstörte Dom St. Marien in Lübeck restauriert. Mittlerweile waren die beiden gut eingespielt und auch in Lübeck gaben die freigelegten Fresken einfach nichts mehr her. Also musste Malskat wieder gotisch tätig werden. Und schuf eine kunstgeschichtliche Sensation!
Neben all den Legionen unbekannt gebliebener Wandmaler und Notnamen tritt endlich einer an das Licht der Öffentlichkeit: Lothar Malskat aus Königsberg.
Aber noch war es nicht so weit, denn: Die Bundespost veröffentlichte 1951 eine Briefmarke gewidmet der gefälschten Gotik – mit Wohlfahrtsaufschlag – und kaum jemand wurde stutzig.
Nein, ganz im Gegenteil – es war gar eine Sternstunde der Kunsthistorie, der Restauratoren, Korken knallten, die Presse reagierte euphorisch und es erschien eine Dissertation zum Thema. Dass eine Sachverständigenkommission die Arbeit 1951 als „unsachgemäß“ kritisierte, das fiel bei dieser Gefühlswallung ganz schnell unter den Tisch.
Als Malskat, der sich mit Fey derweil heftig zerstritten hatte, so allmählich mit Wahrheit herausrückte, bei den Verantwortlichen zuerst, da passierte erst einmal gar nix. Zu viele hatten wohl schon zu sehr die Hose heruntergelassen, man hätte es gerne bei einer schönen Kunstpostkarte bewenden lassen.
Nicht mit Malskat. Es mögen persönliche Gründe eine Rolle gespielt haben, die Malskat schliesslich dazu brachten, sich selbst anzuzeigen.
Unglaubwürdige Dementi, das übliche Leugnen, aber Beschiss kommt auf den Tisch, der Eine früher, der Andere später. Sowohl Fey als auch Malskat wurden zu empfindlichen Haftstrafen verurteilt, man mag sich fragen, weswegen eigentlich? Wen haben die denn wirklich geschädigt?
So mag nun der geneigte Leser selbst aus dieser Geschichte eigene Schlüsse ziehen, so wie ich das nicht für ihn tun werde. Nicht hier und jetzt nicht.

9 Gedanken zu “Schlawinerzeit

  1. Eine äußerst unterhaltsame Geschichte, eine interessante Person dieser Lothar Malskat, der wohl eher als Künstler zu bezeichnen ist, weniger als Kunstfälscher.

    Daraus ließe sich ein tolles Drehbuch und eine wunderbare Komödie machen. Solche Geschichten muss uns der Herr Sleeper öfter erzählen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Eine Leserin schreibt:

    „Wen die wirklich geschädigt haben?“ Das Kunst-/ Kulturestablishment. Gesichtsverlust. Autoritätsverlust. Wenn Sie so wollen, eine Demaskierung der akademisch/ behördlichen Obrigkeit, zu der ja auch die Gerichtsbarkeit gehörte. Bundes-postdiktatorische-Demokratie.
    Danke für die interessante Geschichte.

    Gefällt 1 Person

    • Ich bilde mir ja nun nicht ein, der große Experte in Sachen Gotik zu sein, nur weil ich ein paar Bändchen zu diesem Thema gelesen habe. Dennoch wage ich zu behaupten, dass beim Betrachten der Briefmarke etwas Befremdendes in mir aufstieg. Dergleichen hab ich bisher nie gesehen. Das als Nonnenkopf bezeichnete Masswerk über dem Baldachingiebel der Figuren hängt merkwürdig schlapp und schlampig herum. Wirkt irgendwie unecht. In einer Dorfkirche auf der schwäbischen Alb mag so etwas ja noch dahingehen, aber in DER Kirche der Hanse hätte ich schon einen Meister seines Faches vermutet.

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      • Eine Leserin schreibt:

        Auf mich wirkt die ganze Briefmarke ein bisschen seltsam.
        Eher romanisch (wahrscheinlich wegen dem Engel) und irgendwie karnevalistisch, un-glaub-würdig.
        Aber im Nachhinein (also nach der Entlarvung) ist derlei natürlich furchtbar einfach…
        Wobei bei Wikipedia ja betont wird, dass die Briefmarke ein durch ein Foto bewiesenes Originalmotiv zeigt.
        Beim Rumlesen habe ich erfahren, dass Wilhelm2 der Marienkirche ein Glasfenster geschenkt hat, auf dem sich die Wappen der Nürnberger Burggrafen wiederfinden. Ich wüsste zu gerne, was die da zu suchen haben.
        Alles in allem musste Gott die Menschen erfinden, sonst hätte er „skuril“ nicht untergebracht.

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  3. Sie haben völlig recht, hinterher ist man immer schlauer. Es irrt der Mensch, so lange er strebt.

    Wilhelm der II. aber lag mitnichten falsch. Ehe die Hohenzollen mit der Mark Brandenburg belehnt wurden, stellten sie die Burggrafen von Nürnberg, Es war schon ein gewaltiger Rösselsprung, den die Herren da vom kantigen Rand der Schwäbischen Alb und ihrem heimischen Bergkegel bis nach Berlin hinauf gemacht haben.
    Allerdings irrt, wer deren heutige Burg dort für mittelalterlich hält. Das ist Historismus durch und durch. Aber schön anzusehen.

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  4. Eine Leserin schreibt:

    Oh, danke. Die Zollern waren ja Nürnberger Burggrafen. Hatte ich völlig vergessen. Könnte auch an meiner Nürnberger Schulbildung liegen, da kamen die Burggrafen nicht so gut weg.
    Ich hab´s nicht so mit Historismus. Einzig die Burgruine im Kasseler Bergpark lockt mich noch.

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  5. Und diesem Schlemihl mit seinen Truthähnen gingen sie auf den Leim, aber wie! Aber auch Asterix & Obelix sind nicht ganz astrein. So wurde die Megalithkultur, die 2000 v. Chr. endete, in voller künstlerischer hinkelsteinischer Freiheit den Kelten anvertraut.

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