Pedimania

Es steigt die Zahl der Zugriffe, die der Autoren hingegen schwindet. Die Wikipedia schwächelt.
Wundern tut mich das nicht mehr.
Genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was der Grund war, mich dort anzumelden, am ehesten noch entsprang er einem Schuldgefühl, einfach auch mal zu geben und nicht immer nur zu nehmen.
Außerdem bin ich ein gründlicher Leser, mir fallen Fehler schnell auf.
Und es gibt ein paar Wissensgebiete, wo ich meinte, etwas beitragen zu können.
Ich hab nun beschlossen, die Tätigkeit dort zumindest vorübergehend einzustellen.
Zuerst machte es einfach nur mal Spass. Hinsetzen und sich treiben lassen in diesem Riesenarchiv. Schärft den Blick auf inhaltlich Ungereimtes, erlernen der nicht wirklich einfachen Grundlagen.

Man fängt an, Artikel zu verbessern.
Immer schön mit Angabe der Quellen – was allein schon ein ziemliches Gewurstel ist, das nennt sich mal Einzelnachweise und mal wieder anders und die Schreibweise ist in keinster Hinsicht festgelegt. Und anecken mochte ich in diesem Bereich schon gar nicht.

Mein bisheriges Fazit ist, dass es zwar einige wirklich gute Artikel gibt, aber auch ganz viele richtig schlechte. Zum Teil mit krassen Fehlern. Im Bereich „Geschichte“ sind die Verhältnisse noch einigermassen geordnet, da geben sich die Leute richtig Mühe. Was die „italienische Malerei der Renaissance“ betrifft, da kann man die deutsche Wikipedia getrost knicken. Man ist mit jedem Bändchen besser bedient, das man für ein paar Euronen auf dem Bücherflohmarkt in Rudi’s Resterampe ersteht.
Wenn man sich mit Popmusik beschäftigt, wird es ganz grausam. Es gibt Artikel, die sind einfach nur unterirdisch schlecht. Wenn man einen Christian Graf oder das altehrwürdige Werk von Barry Graves und Siegfried Schmidt-Joos im Regal hat, wie es sich für jeden besseren Haushalt gehört, dann ist man dagegen exzellent versorgt.
Als Gutmensch meint man dann ganz schnell, mit seinen rudimentären Kenntnissen aushelfen zu müssen.
Oha – aber bleiben lassen sollte man das. Da trifft man nämlich auf Befindlichkeiten, wie so oft in diesem Bereich. Einen Abend lang sich hinzusetzen und einen Artikel auch nur halbwegs leserlich zu machen,  das bringt rein gar nichts, wenn man danach einen gekränkten Stalker an die Backe bekommt, der alles wieder revertiert (Wikisprech) – das heisst, die Änderungen rückgängig macht.
Unweigerlich schaut man dann ja auch auf die Diskussionsseiten, die Metaebene der Wikipedia. Das liest sich gruselig.
Dort geht es nämlich so richtig zur Sache. Wie bei einem Spiel der Kreisliga A, wo es zwar keinen Schiri gibt, aber unendlich mehr rote Karten und viel fiesere Fouls. Da wird gesperrt, von einem Tag bis zu lebenslang.
Lebenslang bekommen in der Regel die Vandalen – zu Unrecht wird diese Volk wieder angeprangert und ich breche einmal mehr die Lanze für diese Gemeinschaft, die diese Bezeichnung wirklich nicht verdient hat, eine andere Wortwahl hätt‘ ich mir geünscht.
Das sind die Narrenhände, die beschmutzen Tisch und Wände, sie gibt es zahlreich und sie sind manchmal schwer zu erkennen, also Obacht!
Ich weiss nicht so recht, ob ich da einen Einstieg empfehlen würde. Man braucht Kenntnisse in HTML und muss sich mit dem ganz eigenartigen Vokabular dort beschäftigen, z.B. mit „Sockenpuppen“ oder „Helferlein“.  Und es ist extrem unlocker. Was auffällt, sind endlose Diskussionen über Anträge zum Löschen von Artikeln, anstatt dass die Leute sich hinsetzen und sie verbessern würden.
Immerhin habe ich einen oder zwei unsäglich mies geschriebenen Artikel halbwegs überarbeiten können, bevor mir die Puste ausgegangen ist, als konfliktscheuem Menschen, der ich bin. Nein, ein Weichei darf man dort nicht sein – und Dank sollte man schon gleich gar nicht erwarten.

Eigentlich schade, von der Theorie halte ich das noch immer für ein gute Idee, die Wikipedia, mit diesem interaktiven Ansatz. In der Praxis sieht das ganz anders aus!

Vertrauen werde ich ihr nicht mehr.

 

8 Gedanken zu “Pedimania

  1. Ich sag nur: Wikidemiker.
    Als grundsätzliche Idee, das Wissen und den Fleiss vieler Menschen weltweit zusammenzutragen, fand ich das hervorragend. So kann Internet sein, dachte ich mir damals.
    Aber dann.
    Du hast die grössten Schwachstellen bereits erwähnt. Wenn Fans über Ihre Artisten, seien es Musiker, Fussballvereine oder sonstige Verehrte sein, dann wirds meist unterirdisch, emotional eben.

    Noch viel schlimmer finde ich, dass es Inzwischen ein Heer bezahlter Wikischreiber gibt, die besser Wikischöniker hiessen. Die schreiben im Auftrag von Firmen,um deren Image aufzupolieren. Dann gibts bezahlte Kontrolleure, die aufpassen, dass man über Personen der Zeitgeschichte nichts schreibt, was deren gewünschtem Image nicht widerspricht. Manipuliert halt.

    Bei wissenschaftlichen Artikeln ist es noch einfachsten, da kann man den Literaturlisten am Ende des Artikels schon sehen, wer da Ernstzunehmendes hinterlassen hat und wer aus welchen Gründen auch immer herumgefuhrtwerkt hat.

    Wikipedia ist gut für einen raschen ersten Überblick und gehts weiter wie schon immer, dann beginnt die Recherche in den seriösen Quellen.

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    • Das Recht, andere Artikel zu bearbeiten ohne Sichtung, das hat man ruckzuck, viel zu schnell. Dann kann jeder loslegen. Und dann geht es los.
      Ich würde wetten mit dir, dass wir beide einen völlig falschen Satz problemlos für mehrere Wochen in der Wikipedia veröffentlichen könnten.

      Machen wir aber net, die Welt ist schon verrückt genug 🙂

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  2. Sehr interessant der kleine Einblick in das Funktionieren von Wikipedia. Ich habe mich schon oft gewundert, wie das System laufen kann. Offenbar läuft es eh nicht optimal. Schade, denn Schwarmintelligenz ist schon faszinierend …

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    • Der Schwarm ist in der Mehrheit männlich, technisch versiert und zwischen 18 und 45.
      Das große Problem der Wikipedia ist in der Tat ein kontinuierlicher „Autorenschwund“. Seit einem Höhepunkt vor etwa 10 Jahren nimmt die Zahl der Autoren stetig ab.
      Schaunmermal in die „Diskussionsseiten“ der Artikel, die Gründe liegen auf der Hand.
      Einem sehr hohen Aufwand, die technische Seite zu durchschauen, steht viel Frustration gegenüber. Kann ich gut verstehen, dass sich immer weniger Leute dies antun wollen.

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  3. Das führt auf jeden Fall zu einer Verzerrung, dem sogenannten „Wikipedia-Bias“. Bemerkbar wird es sicher durch eine gewisse Dominanz von Themen, für die sich diese Bevölkerungsgruppe interessiert.
    Jeder kann sich selbst ein Bild machen, wie das Bearbeiten der Artikel im Grunde funktioniert, es genügt ein Klick auf den „Bearbeiten“ Button eines Artikels. Ich habe eine Weile gebraucht, bis mir klar wurde, wie die Querverweise innerhalb der Wiki funktionieren oder wie man eine Literaturangabe einfügt. Einen Überblick, über das was dann nach dem Editieren herauskommt, den hat man im Quelltext fast gar nicht.
    So gibt es etwa keine Norm, wie zitiert wird, das macht jeder etwas anders. Da kann es schon sein, dass man mehrere Anläufe braucht, bis es angepasst ist. Dann aber gerade gibt es Mecker. Wenn es dann dumm läuft, wird die ganze mühselige Änderung wieder rückgängig gemacht.
    Der nächste Schritt ist dann der „Edit-War“, wenn man wieder verändert. Veränderung – Rücksetzen usw. Da geht’s nicht mehr um die Sache.

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  4. Eine Leserin schreibt:

    Ich warte schon die ganze Zeit drauf, dass Wiki von rechts überholt wird.
    Wenn man davon ausgeht, dass die Autoren diejenigen sind, die die Sachkenntnisse mitbringen, bedeutet ihr Rückzug, dass eine Lücke entsteht, die von allen mit allem gefüllt werden kann und wenn man das ein bisschen zurückhaltend angeht, kann man lange manipulieren, bis es sich herumspricht.

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  5. Das wird im Ansatz schon vollzogen. Ein grosses Problem sind die „Sockenpuppenarmeen“.
    Eigentlich ein ganz alter Witz im Internet, man meldet sich selbst oder seinen Lieblingsverein unter mehreren Usernamen an und dann kann man gegenseitig seine Artikel bestätigen oder verändern – oder unliebsame Links löschen und allen erdenkbaren weiteren Unfug treiben.
    Das ist eine Schwachstelle.
    Das wird nicht bei einem Artikel von Heinz dem Großen passieren, aber ein Null hier weg und eine dort hin in im Artikel über die „Deutsche Bank ?
    Und da wird das Problem klar: Je mehr Autoren abspringen und der Rest die momentan exakt 1.931.559 Einträge zu verwalten hat, umso mehr Kram kann man theoretisch in der Wiki unterbringen.

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