Gustav und die elf Freunde

Es ist vollbracht!
Europa hat einen neuen Meister. Und ich gönne es ja den Portugiesen, denn noch nie waren sie an der Reihe. Wie sagt man so schön: Sie haben Geschichte geschrieben.
Na ja.
Im Viertelfinale kam mir das Interesse ziemlich abhanden, so ganz klammheimlich, und wie immer traf mich keine Schuld. Es waren die Wolken und es war Gustave.
Machen Sie nie den Fehler und lesen sie Gustave Le Bons Buch „Psychologie der Massen“ während einer WM oder EM! Diese Lektüre entwickelt sich ganz schnell zur Spassbremse. Der Mann schrieb das Buch 1903! Deshalb gehe ich davon aus, dass er noch keine Fussballübertragung  gesehen haben kann. Geahnt haben muss er es!

Wenn man begreifen will, was er da schreibt, dann setze man sich während eines Spiels der deutschen Mannschaft auf die Dachterrasse und lausche hinaus. Ich möchte mich aber nicht weiter darauf kaprizieren. Das Büchlein liegt im Handel aus, ist lesbar geschrieben und seltsamerweise noch nicht wirklich widerlegt.

Die Wolken waren der andere Grund. Auf selbiger Terrasse fiel mir nach Jahren der Sitzerei endlich einmal auf, welch grosses Himmelspanorama sich dort betrachten lässt, nicht nur ein kleiner Ausschnitt. Ich bin nicht der Schnellste, das hab ich bemerkt, da ich Jahre brauchte, um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Aber immerhin, der Groschen ist gefallen, pling!

Kurz gefasst: Das ist klasse, ich kann stundenlang beobachten, was am Himmel so passiert.
Aus dem Nichts heraus entstehen sie, vergehen sie wieder, ziehen ins Blickfeld, nehmen andere Formen an, sie sind ist wunderbar, die Wolken. So schön ist fast kein Ballgeschiebe über mindestens 90 Minuten, wenn’s kurz ist. Wolken sind ganz großes Kino.

Womöglich werde ich nun senil. Ich ertappte mich neulich dabei, wie ich mehrere Stunden an einem See gesessen bin und nur das Spiel der Farben, die Wellen betrachtete und den Einfallsreichtum der Natur.
In solchen Momenten ist mir die Psychologie der Massen und die EM irgendwie egal. Abstrakter Kram. Da hat man fast lichte Augenblicke, wo man vor sich hin denkt und es quillt förmlich heraus aus Einem.
Und man wird zufriedener, gedenkt ab und zu etwas freundlicher diesem Hirnorgan auf unseren Hälsen, das für Momente nicht bloss bruddelt und jammert, aber auch seine schönen Zeiten geniessen kann, all zu viel vergönnen wir dem Gehirn oft auch nicht.

Wenn Island Europameister geworden wäre,  das hätte auch noch einen oder zwei schöne Momente abgegeben! Ewig schad.

 

26 Gedanken zu “Gustav und die elf Freunde

  1. Trefflich geschrieben!

    Zu den Wolken fällt mir dies ein:
    „Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr lieb hat als ich! Oder zeigt mir das Ding in der Welt, das schöner ist als Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe, sie sind Zorn und Todesmacht. […] Sie haben die Formen von seligen Inseln und die Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig – Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild allen Wanderns, allen Suchens, Verlangens und Heimbegehrens. Und so, wie sie zwischen Erde und Himmel zag und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.“ (Hermann Hesse – Peter Camenzind)

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  2. Ach was, Hitparade gekuckt, du Schelm 🙂

    Das waren die Cats glaub ich, und das war nicht mal so übel.

    Ich glaube mittlerweile, dass Sonderlingsein gar nicht so furchtbar schlimm ist. Und nicht unbedingt langweilig. Und dann noch eine ganze Region, was will man mehr. Aber seltsamer als die Schwaben können die Brandenburger kaum sein. Schlimmer geht nimmer.

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    • Kurz daneben ist auch vorbei: „DISCO geguckt“ hätte es heißen müssen; gegenwärtig so im Rückshow-Wahn verfangen, dass mir praktisch nur Hymnen 1971-1976 vor die Lauscher kommen, und natürlich leider auch der ganze Schrott, den Ilja Richters „Kultsendung“ so ausgemacht hat: Costa noch ohne Gesichts-OP und ohne berühmte Schwiegertochter, Jürgen Markus auf der Woge des Erfolges, Lerryn mit „Hurrahurra, der Sänger mit den besseren Lieders ist da“ – der eigentlich Dieter Dehm heißt und heute für die LINKE im Bundestag sitzt …und natürlich nach 40 Jahren: „Far far away“ wiedergesehen wie einst in der prä-Recorderphase im Februar75! Hach ja, da wird einem ganz historisch. Papa erzählt vom Kriech, vom Mähnen-Kriech, vom Negergeheul-Kriech, vom die könnjaallegarnichsingenundtunstrotzdem-Kriech… Massenverirrungsakkorde, Rocktonale Belagerungszustände, …Glamrockmaterialschlacht…SuziQuatröses kriegsgeheul! Yeahr.

      Brandenburg und Schwaben: Reicht „Jeh mir weg du!“ nicht?
      Guck mal in den derzeitigen Bestseller „Unterleuten“ rein; unterhaltsame Völkerkunde: Warum sollten Westberliner nicht ins restpreußische Umland ziehen?!

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  3. 1975 konnte ich „Far far away“ schon als 45 erstehen, für eine Mark. In Woolworths Grabbelkiste. Aber dahingeschmolzen und eingeebnet ist jetzt das Ost-West Gefälle, ich hab nämlich keinen Plattenspieler mehr … 🙂

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  4. Graugans schreibt:

    Sehr starker Text! Endlich mal noch einer, der einfach nur dasitzt und zum Himmel schaut, das gefällt mir sehr, vor allem wenn dann sowas Leises und Poetisches dabei herauskommt. Schön!
    Hast Du zufällig „Masse und Macht“ von Canetti gelesen? Viele Grüsse

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  5. Der Name Canetti tauchte im Umfeld von Le Bon schon einmal auf. Ich kannte ihn bisher nicht, aber womöglich sollte ich ihn kennenlernen, denn wenn die Spuren so gelegt werden, dann sollte man dem auch nachgehen.
    Die Grüße zurück und Danke!

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  6. Graugans schreibt:

    Grüß dich, lieber Sleeper, habe Dich soeben nominiert zum „Liebster Award“, vielleicht magst ja ein paar Fragen beantworten, tät mich sehr freuen und natürlich interessieren, was Du so sagst! Schau doch mal rüber zu mir! Liebe Grüsse, die Graugans

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    • Liebe Graugans, bist du dir ganz sicher, dass du dir das antun magst? Ich werd’s mir überlegen, sobald ich wieder einigermassen klar denken kann. Ich bin der Hitze einfach nicht mehr gewachsen.

      Den Canetti habe ich mir übrigens geholt. Da muss man immer wieder tief Luft holen bei der Lektüre. Nach den ersten 50 Seiten glaube ich nicht mehr so recht an ein Happy End wie bei der Rosamunde Pilcher. Das Antidot werde ich mir morgen holen, auch eine Empfehlung, die sicher genau so stark ist: „Credo“ von David Steindl-Rast.

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  7. Graugans schreibt:

    Servus! Weißt Du was, ich hab den Gustave Le Bon schon neben mir liegen! Sehr interessant, meine Güte, die „Massenseele“, werde mich durchfressen…ja, und dann liest Du danach noch den Canetti…harter Tobak…wär schön, wenn wir uns berichten täten, nach Lektüre beider Bücher! Manchmal wirds mir himmelangstundbang, wenn ich zwar immer meine, ich wäre als typische Kantenhockerin immer nur an irgendeinem Rand oder gar außerhalb…weit gefehlt, auch ich bin Teil einer Masse…oje. Ach, und der Steindl-Rast…grad hab ich irgendwo gelesen, daß der als Einsiedler in New York lebt…danke für „Credo“, ja, das interessiert mich auch sehr, der hat was, dieser Typ, was ihn total unterscheidet von all diesen Gurus und Heildurchfasten – Prediger! Ach ja, und diese Stöckchenparade…wenn wir nur ein ganz klein wenig mehr über uns erfahren, dann könnt es ja Sinn machen, hoff ich! Das heißt, daß ich Deine Antworten mit allergrößtem Interesse lesen werde und mich drauf freue! Hitzedumpf und waaaaahnsinnig, bei uns auch…aber es wird schon wieder kälter bald. Liebe Grüsse von der Graugans

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  8. Elias Canetti ist für mich derzeit nur schwer fassbar. Ich bin da New Kid in Town. Was er aber über die Fussballstadien schreibt, das haut dem Fass den Boden mitten auf den Kopf.
    Der Herr Steindl-Rast ist für mich noch wunderlicher. Canetti war Treibholz, Steindl-Rast hingegen Plankton. Aber egal, fromm bin ich immer noch nicht. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Btw:
    Ich hab eigentlich gar kein Problem damit, mich über Fragen zu äußern, wie sie bei den Stöckchen gestellt werden. ich verspüre bloss Widerwillen, das im Internet zu posten, da bin ich schüchtern. Stell dir vor, ich würde mir in den nächsten 120 Minuten den allergrößten Feind zulegen, und der läse mit, oder gar mein Chef. Das wäre der Supergau. 😉
    Keiner würde mehr diesen Blog anklicken, nachdem ich alles offen und ehrlich beantwortet hätte, ich wäre gesellschaftlich möglicherweise unmöglich geworden. 😉

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      • Wenn ich nun schreiben würde, dass mich ein solcher Kommentar nicht sonderlich freuen würde und mein Name wäre Pinocchio, dann wäre die Nase so lang geworden, dass ich mit ihr meine Katze stupsen könnte, auch wenn sie mit den Händen nicht mehr zu erreichen wäre.
        Das mag sie nämlich gerne.
        Als ich ganz kurz zum Dosenöffner Nummer 1 aufgestiegen war, da bestieg sie sogar meinen Schreibtisch für den Nasenstüber.

        Als ein der Alb verbundener Schwabe bekommt man von Kindesbeinen so eine merkwürdige Clandenke verpasst, ganz innen die Familie und darum herum wie Zwiebelschalen so fest gefügte Kreise an Freunden und Bekannten.
        Wie wenn man in einer Arena sitzen würde, den Rücken zur Stadt gewandt und zum Leben und gemeinsam mit den Anderen im fest geschlossenen Kreis. Und als Schwabe geht man zum VfB nach Stuttgart.

        Bei der Bloggerei ist das umgekehrt. Es gibt keinen Kreis mehr und man sitzt nicht mehr in der Arena, sondern im Café mitten in der Stadt und im Leben, im Kafenion mit so einer Glasperlenkette. Man kann das sicher auch anders sehen, aber so geht es halt mir.

        Ich bin gerade dabei, das Rocklexikon von Graves und Schmidt-Joos in das Lateinische zu übersetzen, kein großes Ding ausser dem Ablativ der Beatles. Danach denke ich über den nächsten Blogbeitrag nach. Indianerehrenwort!

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      • Eine Leserin schreibt:

        Es ist ganz einerlei, in welchem Kreise wir unsere Kultur beginnen, es ist ganz gleichgültig, von wo aus wir unsere Bildung ins fernere Leben richten, wenn es nur ein Kreis, wenn es nur ein Wo ist.
        Johann Wolfgang von Goethe

        Freundliche Grüße ins Kafenion des ferneren Lebens!

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    • Eine Leserin schreibt:

      Bei genauerer Überlegung stelle ich fest, dass ich ja die Ehre habe, selbst Besucherin im Kafenion Ihres „ferneren Lebens“ zu sein. Ein bisschen erstaunt mich das gerade.
      Ich nicke Ihnen also von einem der Nachbartische freundlich lächelnd zu!

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