Spukhafte Fernwirkung

Es gibt sehr beruhigende und sichere Erkenntnisse im Alltag, etwa die Lichtgeschwindigkeit.
300.000 Kilometer pro Sekunde. Das sind gewohnte Verhältnisse, wenn man unter dem Nachthimmel steht, über diese abartigen lichtjahrelangen Entfernungen nachdenkt, die uns trennen von all den Zivilisationen, die es da oben geben könnte.
Und während ich da unten einen Zwiebelkuchen verspeiste, kam  die Quantenverschränkung daher, Mittagspause. Ein Kollege erzählt. Und er kann gut erzählen.
Das ist nicht wirklich kompliziert, hört sich aber völlig unglaublich an:
Es gibt Teilchen, die sind kleiner als Atome. Protonen, Photonen, Elektronen und all der Kram. Die stehen in einer Verbindung miteinander, die schneller sein muss als Licht. Wenn ich eines dieser Teilchen, in meinem Zwiebelkuchen habe, so dreht es sich gleichzeitig mit seinem verschränktem Teilchen, das sich ganz weit weg auf der Wega befinden könnte, seinem Zwilling. Schneller als das Licht kommuniziert das Teilchen im Zwiebelkuchen mit seinem ihm verbandelten Teil auf Wega, wie es sich drehen soll. Rechts oder Links. Unvorstellbar!
Einstein ist damit an die Wand gefahren, das konnte er nicht erklären. „Gott würfelt nicht!“
Und für uns zum Troste: Die Quantenverschränkung ist derzeit nicht erklärbar, aber es gibt sie.

Eine ganz andere Geschichte kam mir dadurch in den Sinn. Ein Artikel in der Lokalpresse, lange Jahre her, ich habe ihn nicht mehr gefunden. Es hat sich wirklich so ereignet, hie und da mag mir ein wenig dichterische Freiheit erlaubt sein, aber ich kann sie nach etlichem Gedankenkramen wohl wiedergeben, diese Geschichte:
Es trug sich zu auf einem Dorffriedhof auf der Alb, unweit von hier. Eine Dame pflegte sich um eine ältere Grabstätte zu kümmern, die etwas abseits gelegen war. Bei einem ihrer regelmäßigen Besuche einmal im Monat fand sie dort einen Brief vor und Räucherwerk.
Der Brief war mit Tinte in einer für sie nicht lesbaren Schrift aufgesetzt, das Papier angegilbt. Es muss erwähnt werden, dass kurz nach diesem Fund starker Regen einsetzte.
Neugierig geworden, began sie Erkundigungen einzuziehen. Ich weiss nicht mehr, ob es die Mesnerin oder die Frau des Pfarrers war, man erinnerte sich, dass zwei Indianer mit Begleitung auf dem Friedhof waren. Sie baten um Erlaubnis, eine Räucherzeremonie durchzuführen. Kein Problem, da die Würde des Ortes unangetastet blieb, gute Entscheidung!
Als es sich herausstellte, daß der gefundene Brief von einem Bewohner dieses Dorfes vor langer Zeit an einen nach den USA ausgewanderten Angehörigen geschickt wurde, zog die Angelegenheit ihre Kreise.
Wer sich da danach an wen gewandt hatte, an das kann ich mich nicht mehr glaubhaft erinnern, aber irgend jemand wußte von der Anwesenheit einer indianischen Delegation, die wg. einer Ausstellung das Museum für Völkerkunde in Stuttgart besucht hatte.
Zwei dieser Indianer wollten einem ihrer Vorfahren ein Opfer darbringen, von dem sie wußten, das er in diesem Dorffriedhof begraben war, das brachte man dann schnell heraus. Der Auswanderer hatte nämlich in den Staaten eine Indianerin geehelicht, die beiden Besucher waren die Nachkommen.
Die Nachkommen beider Zweige der Familie konnten sich im Gefolge dieser Ereignisse auf amerikanischen Boden treffen, das Band wurde so geknüpft, das lange Jahre zerschnitten war.
Man mag mir das glauben oder nicht, aber es ist wahr. Großes Indianerehrenwort!
Und zu schön ist sie und passt sie zu den Quanten, die Geschichte.

Schlawinerzeit

Kunstgeschichte muss nicht unbedingt langweilig sein. Sicherlich gibt es Spannenderes, als mit dem Geodreieck Sterngewölbe zu konstruieren oder sich mit Backsteingotik bespassen zu lassen.
Aber man kann auf den Namen Lothar Malskat stossen. Und ratzfatz hat man eine kleine Geschichte beieinander, wie sie das Leben eben so mal schreibt.
Malskat war Maler. Malskat war Kunstfälscher.
Es begann 1937. Zusammen mit dem Restaurator Ernst Fey war er beschäftigt im Dom zu Schleswig. Er wurde ihm empfohlen als fähiger Maler, dem es überhaupt nicht abträglich erschien, fremder Leute Pinselstrich zu kopieren. Eine Partnerschaft ward in’s Werk gesetzt.
Man legte frühgotische Wandmalereien frei. Nur leider war nach Entfernung der Deckschicht nicht mehr viel davon zu sehen und es drohten massive Schwierigkeiten wegen des Verdachts auf „Zerstörung nationalen Kulturguts“. Ein Straftatbestand seinerzeit. Oha.
Malskat war zum Glück talentiert genug, ein paar Heilige an die Wand zu pinseln und das Fresko wäre problemlos durchgegangen, hätte ihn dabei nicht der Teufel geritten, dergestalt, dass er ausgerechnet ein Truthahnfries anfügte .
Ein Truthahnfries, unglaublich, das muss man sich erst mal geben!
Derartiges konnte nur  auffallen, um 1320 herum gab es in Europa keine lebendige Vorlage, um diesen Vogel abzubilden. Adler ja, Sperlinge auch noch, vieles mehr, aber in der Bibel wird der Truthahn nicht erwähnt. Keine Textstelle.
Es kam an das Licht.  Als nationalsozialistische Kunsthistoriker die Fresken feierten, unter anderem mit einem Prachtbildband, da fiel Malskat, inzwischen in Norwegen stationiert, aus allen Wolken – durchaus nachvollziehbar. Die Truthähne passten den völkischen Fachleuten ganz vorzüglich in’s Bild, denn das war ein eindeutiger Beleg für die Tüchtigkeit der nordischen Nordmänner, die weit vor Kolumbus diese Vögel in Europa einer staunenden Öffentlichkeit präsentierten.
Irren ist menschlich. Noch heute geistert diese These von den Vögeln der fabulösen Wikinger durch das Internet und ist einfach nicht tot zu kriegen.
Nach dem Krieg wurde es aber noch doller.
Zusammen mit Fey wurde der 1942 schwer zerstörte Dom St. Marien in Lübeck restauriert. Mittlerweile waren die beiden gut eingespielt und auch in Lübeck gaben die freigelegten Fresken einfach nichts mehr her. Also musste Malskat wieder gotisch tätig werden. Und schuf eine kunstgeschichtliche Sensation!
Neben all den Legionen unbekannt gebliebener Wandmaler und Notnamen tritt endlich einer an das Licht der Öffentlichkeit: Lothar Malskat aus Königsberg.
Aber noch war es nicht so weit, denn: Die Bundespost veröffentlichte 1951 eine Briefmarke gewidmet der gefälschten Gotik – mit Wohlfahrtsaufschlag – und kaum jemand wurde stutzig.
Nein, ganz im Gegenteil – es war gar eine Sternstunde der Kunsthistorie, der Restauratoren, Korken knallten, die Presse reagierte euphorisch und es erschien eine Dissertation zum Thema. Dass eine Sachverständigenkommission die Arbeit 1951 als „unsachgemäß“ kritisierte, das fiel bei dieser Gefühlswallung ganz schnell unter den Tisch.
Als Malskat, der sich mit Fey derweil heftig zerstritten hatte, so allmählich mit Wahrheit herausrückte, bei den Verantwortlichen zuerst, da passierte erst einmal gar nix. Zu viele hatten wohl schon zu sehr die Hose heruntergelassen, man hätte es gerne bei einer schönen Kunstpostkarte bewenden lassen.
Nicht mit Malskat. Es mögen persönliche Gründe eine Rolle gespielt haben, die Malskat schliesslich dazu brachten, sich selbst anzuzeigen.
Unglaubwürdige Dementi, das übliche Leugnen, aber Beschiss kommt auf den Tisch, der Eine früher, der Andere später. Sowohl Fey als auch Malskat wurden zu empfindlichen Haftstrafen verurteilt, man mag sich fragen, weswegen eigentlich? Wen haben die denn wirklich geschädigt?
So mag nun der geneigte Leser selbst aus dieser Geschichte eigene Schlüsse ziehen, so wie ich das nicht für ihn tun werde. Nicht hier und jetzt nicht.

Gedankenkramen

Es gibt eine neue Literaturgattung, wie kaum eine andere dazu geeignet, ihre Leser in den Zustand der Torschlusspanik zu versetzen. Es fing an mit 100 Büchern, nein, mit gar 1000 Büchern, die man gelesen haben sollte, bevor man stirbt. Und davon idealer weise je eins an den 1000 Orten, die man besucht haben sollte, bevor man sich in die Urne setzt.
Bei den Plätzen, die man besuchen sollte, da sieht’s bei mir ganz schlecht aus, irgendwie lieg ich verkehrt.

Die Kartause in Buxheim ist nicht dabei, eben so wenig der Busbahnhof von Kehl.

Die Stadt, in der ich mich meist aufhalte, weil ich da wohne, die fehlt in der Sammlung. Nicht einmal ein Buch über 111 Orte in dieser meiner Stadt gibt es, das ich mal abarbeiten könnte.
Mir würden in aller Bescheidenheit auch keine 111 Orte in den Sinn kommen, die man hier besuchen soll. Mehr als 23 sind mir heute nicht eingefallen, einer davon die eigene Wohnung, das gilt aber nicht. Und ich habe lange gegrübelt.
Ich hab mir eher überliegt, in einem Blog 111 Orte zu beschreiben, die man hier NICHT gesehen haben sollte, aber interessieren würde das keinen Menschen. Wer will denn schon wissen, wie es bei meinem Zahnarzt ausschaut oder in der Cafeteria des Möbelhauses, das mir ständig Gutscheine schickt für ein Weißwurstfrühstück. Ich lass das besser bleiben.

Was ich mir auch vorgenommen habe, bleiben zu lassen ist weiteres persönliches Technologieupgrade.
Ich habe beschlossen, mit dem Gefühl zu leben, dass ich mittlerweile den Zenith erreicht habe. Ich trauere ganz heftig meinem alten Handy hinterher. Das hab ich zwar nie benutzt, es war aber schlagfest und fast wasserdicht und der Akku hielt eine halbe Ewigkeit. Ein prima Wecker also.
Was hab ich von einem Smartphone jetzt? Ich habe ein leeres-Akku-wenn-ich-es-brauche-Gerät in der Tasche. Zuerst war ich ganz begeistert von der Aussicht auf all die Vorteile. Ich hab es sogar als elektronische Strassenkarte für’s Auto benutzt. Um genau zu sein: Einmal. Seither frage ich wieder echte Menschen nach dem Weg und da kriege ich oft wesentlich zutreffendere Antworten als von so einer lallenden Box. Nun ja, zumindest als Wecker ist es noch halbwegs brauchbar.
Ich hab mich schon ertappt, als ich mich in meiner Wohnumgebung nach Elektronik umsah, die ich downgraden könnte. Dabei ist mir gleich mal die elektronische Personenwaage aufgefallen, die ich sofort bereit wäre, zu ersetzen. Und als nächstes werde ich mir wieder eine Sanduhr hertun, die nicht piepst oder sonstige nervige Geräusche von sich gibt, wenn das Ei durchgekocht ist.

Um nochmals auf die 1000 Orte zurück zu kommen: An einem war ich nun doch unlängst, es braucht niemand zu wissen, wie der genau heisst. Mir fiel auf, dass die Japaner und die Inder und bettelnde Roma diesen Ort auch zu kennen scheinen. Und was weiss ich wer sonst alles noch. Stressig unterm Strich. Immerhin hab ich versucht nach dem Motto „Jugend forscht“ herauszubekommen, ob man mit einem Smartphone gute Bilder vom Innenraum einer frühgotischen, noch sehr düster wirkenden Kirche machen kann. Es klappt nicht wirklich. Eine kleine Spiegelreflex macht Bilder, die einen kleinen Tick besser sind. Da war ich wieder beruhigt.
Nun genug gejammert und geklagt über die Zeichen der Zeit.
Und zu etwas sehr sehr Postivem: Der hiesigen Kulturnacht.
Nun ja, die meisten Angebote waren etwas schräg. Schwäbisches Kabarett nach dem Motto „Witz komm raus, du bist umzingelt“ oder Showtanz in der Stadthalle, auch nicht so mein Ding.
Aber im Innenhof des ehemaligen Spitals zum Heiligen Geist, da war eine wunderschöne Illumination zu sehen.
Der Mann, der dafür verantwortlich ist, der heisst Matthias Rapp und der hat mir erklärt, wie das alles so mit den Beamern funktioniert und wie er da tüfteln mußte, dass das alles so tut wie es tun sollte – beeindruckend. Ich sass in dieser stillen Ecke lang so vor mich hin und war ihm unendlich dankbar für diesen Abend.

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Wortspiele

Es tut sich wieder was an der schwäbischen Alb.
Die Stadt, deren Name hier nichts zur Sache beiträgt, die bekommt jetzt nämlich einen Kulturpark. Von Kultur versteht man hier jede Menge.
In Sachen Kultur ist der Ort eine Hochburg, wie etwa Köln für den Karneval eine Hochburg ist, oder etwa Mainz.
Ich darf etwa erwähnen das Naturtheater, das Don Camillo und Peppone zeigt oder „Pippi Langstrumpf“ im Programm hatte. Oder die Stadthalle. Na ja, da tut sich derzeit nicht so arg viel, ein bisschen Comedy, die Chippendales, Musicals, die essentielle Hochzeitsmesse, Kindertheater und zum guten Glück darf die Philharmonie wieder mehr ran, die ist wirklich echt gut.
Wir haben auch ein Weindorf, mit den singenden Weindorfwirten und dem obligaten Fässerwettrollen. Kann man darüber weinen, muss man nicht. Die schwäbische Alb ist ja weithin bekannt als exzellentes Weinanbaugebiet. Im Mittelalter auf jeden Fall.

Eines der kultigsten Highlights ist das Mutscheln, ein sternförmiges Gebäck wird mit Alkohol und bei anspruchsvollen Würfelspielen gemeinsam verzehrt.

Nix wie her also mit einem Kulturpark, der den Bürgerpark ergänzen soll.
Dieser Bürgerpark ist total klasse, er hat nur einen winzigen Haken: Die Bürger gehen dort nicht gerne hin. Vielleicht weil er ein bisschen viel betoniert ist und das zaghafte Grün auch nicht so recht wachsen will. Das verweigert den Dienst, ein paar von den Bäumen haben sie zur Diagnose ausgebuddelt, es steht noch aus, was denen wirklich fehlt.
Äußerst günstig die Gastronomie, zum Selbstkostenpreis, denn Essen und Trinken muss man mitbringen. Ausser wenn eine Veranstaltung in der Stadthalle wäre und gesetzt dem Fall, man würde da reinkommen, dann bekäme man eine Flasche Mineralwasser für schlappe 4,60 oder so.
Na ja, im Kulturpark sind „Wasserspiele“ geplant. So nennt man hier jetzt Springbrunnen. Für läppische 1,5 Mio. Dass man da zu klamm ist, den traditionellen Springbrunnen vor dem Bahnhof, der unter großen schattenspendenden Bäumen viel frequentiert wurde, zu sanieren, für 60 000, das liegt auf der Hand. Dafür aber jetzt „Wasserspiele“ wie im Schlosspark Heilbrunn.

Und eine Skateranlage. Macht ja Sinn. Wenn das keine Kultur ist?
Imho okeo.

Das Beste am Bürger- und Kulturpark ist die festliche Umrahmung, die das Ganze garniert. Diese besteht aus einer vier- bis sechsspurigen Durchgangsstrasse. Mit gnadenlos hohen Feinstaubwerten, versteht sich. Und dem zentralen Busbahnhof, kurz ZOB genannt, dem beliebten Treffpunkt einer anderen Art von Kultur, einer Subkultur, da wollen wir nicht näher darauf eingehen.
Dass da die Investoren für ein anfangs geplantes Hotel mit Steg zum Schloss Schönbrunn, äh, zur Stadthalle reihenweise abspringen, das kann einen nur wundern. Der Steg wäre toll gewesen, von der Tagung rüber in’s Hotel. Dass der Steg über die Vierspurige nur ein läppriges, ungern benutztes Provisorium ist und bleibt, das tut absolut nichts zur Sache, den brauchen die Tagungsteilnehmer nicht. Und immerhin gibt es dieses Quartal eine Tagung. Oder auch zwei, jedenfalls viele.
Jenseits des ZOB und der Vierspurigen sieht es nicht so prickelnd aus. Kubische Klötze der Siebziger, ein Matratzenladen, und in der zweiten Reihe reihenweise vor sich hinbröselnde Altstadtsubstanz mit verblichenen Einzelhandelsgeschäften, feinstaubergrauten Fassaden und blinden Fenstern.
Eines der ältesten Fachwerkhäuser Süddeutschlands hat man rein versehentlich eliminiert. Kann ja mal vorkommen, wenn man die Kultur auf dem Schirm hat. Ein paar andere alte Bruchbuden werden die Kurve auch nicht mehr kriegen, weil man nämlich kein Geld hat dafür wg der Wasserspiele.

Das ganze hat einen Vorteil, den die Meisten noch gar nicht wahrgenommen haben: Die Stadt bleibt vom Tourismus weitgehend verschont! Kein Japaner würde auf die Idee kommen, seine Reisebusse hier anzudocken.
Es gibt keine Läden mit Kuckucksuhren, Beschlägen für Wanderstöcke und Bierkrüge mit Bürgerparkaufdrucken, der Kelch ist an uns vorbeigegangen.

Obwohl die Stadt ihre Gäste durchaus standesgemäß empfängt. Zum Beispiel die aus Karlsruhe. Anlässlich eines Fussballspiels. Wer sich von dort die Mühe machte, mit dem PKW anzureisen, wurde auf den Parkplatz eines malerisch gelegenen ehemaligen Baumarkts umgeleitet und mit Bussen weitergeshuttelt. Zum Empfang standen über 1000 Ordnungshüter Spalier. Das ganze kostete nur mal 500 000 Ocken.
Ein Schnäppchen.
Wenn der Verein hier nächstes Jahr den DFB Pokal holt, was klar zu erwarten ist, dann trauert den 8 Brunnenanlagen, die man damit hätte sanieren können sowieso kein Mensch mehr nach.

Was kommt als nächstes? Wird die Linie 8 in „Magical Mistery Tour“ umbenannt? Das geplante Burger-Restaurant in „Am Brunnen vor dem Tore“?

Schaunmermal.


Offline

Ich hab den Verdacht, dass es die Bauigel waren, die hier die Strasse aufreissen und dabei das Internetkabel kappten. Die hantieren nicht eben feinchirurgisch im Erdreich, da wird so richtig gehobelt, da fallen auch Späne. Das Internet war weg. Und das Telefon.
Es erwischte mich gleich auf dem falschen Fuss, da ich die Öffnungszeiten vom Finanzamt abchecken wollte. Ging nicht.
Ging doch. Nach einem wahren Husarenritt durch die verstopfte Innenstadt kurz vor Ladenschluss schaffte ich es, von einem überaus netten Beamten alle Formulare in 4-facher Ausfertigung zu erhalten. Einfach so. Ich hab den Handzettel mit den Öffnungszeiten reflexhaft an mich genommen, so zerrüttet war mittlerweile das Vertrauen in’s Internet. Danach gleich noch einige lange aufgeschobene Gänge erledigt. Dabei fing ich wieder an, mich zu wundern.
Muss erst das Internet zusammenbrechen, dass man auf Naheliegendes kommt?
Den Provider hab ich nicht genervt, die werden das schon richten.
Man denkt dann schon darüber nach, ob sich da eine Abhängigkeit entwickelt haben könnte. Die Antwort für mich war: Teils teils.
Als erstes störte mich, dass ich den Lauf des Isonzo nicht schnell bei Gugelmaps nachschlagen konnte. Ein Atlas federte das Problem ab. Das zweite war, dass es nicht herauszubekommen war, wann die Brauerei Leiner geschlossen wurde.

Das war’s aber dann schon. Ich hab den Abend herumgebracht, nicht sanft umgebracht (angelehnt an Hermann Hesse). Ich musste nicht mal auf die Bücherwand zurückgreifen, nahe Angehörige fanden mich in Gedanken versunken auf der Terrasse, der Schlappheit nachgebend, die die Hitze des Tages einforderte.

Heute morgen war mir das schon viel egaler. Die Steuererklärung lag an. Ging auch ohne Internet, die Bücherwand konnte helfen…. wobei das heuer kompliziert war mit den Formularen.
Der Isonzo war geklärt, das ist der Fluss, den ich suchte, als das Internet ausfiel. Die Brauerei Leiner erfolgreich verdrängt.
Als dann die Lichtlein am Rooter eines nach dem anderen wieder in Betrieb gingen und ein stilles Dankgebet an den Provider vollbracht war, dann wollte sich keine Befriedigung so recht einstellen.
Heimatland, wer benutzt hier eigentlich wen? Fragen über Fragen. Würde eine Fastenzeit noch funktionieren, wenn man das Internet einschränken müßte?
Muss jede Antwort auf jede Frage sofort auf den Monitor?
Den Name des Isonzo werde ich nie vergessen, das war der Fluss, den ich im Atlas suchen musste.

Ich hab den ganz leisen Verdacht, dass ich mich einen Tick zu viel an den ganzen Onlinekram gewöhne. Und den etwas lauteren Grund zur Annahme, dass das gar nicht nötig ist.

Golden Oldies

Wie immer war ich daran unschuldig, dem mir eigenen Hang nach Grossprojekten einmal mehr nachgegeben zu haben. Einzig und allein dafür verantwortlich ist der Besitzer des letzten Plattenladens hier im Ort.
„Dich gibt es auch noch?“ entfuhr ihm das Wort, als ich einen Besuch in sein Kellergeschoss geleiten musste. Auf Bergen von Vinyl und CD’s sass der Mann dort, früher wäre das für mich die diesseitige Vorwegnahme des Paradiesgärtleins gewesen, heuer schien ich den Keller der eigenen Erinnerungen zu betreten.
Ich höre seit Jahren keine Musik mehr an, das hat einfach aufgehört, über Gründe muss man nicht reden. Es gab deren einige.
Eigenartigerweise überkam es mich wie ein Zwang, nach langer Zeit in die Gewölbe der hier gelagerten Musikaliensammlung hinabzusteigen und der beinahe schon wahnhafte Gedanke entstand, das alles noch einmal anzuhören.

Und zwar chronologisch, wenn schon, denn schon so ein wenig historisch verbrämt. Völlig überflüssig zu schreiben, dass sich die Hörgewohnheiten nach all den Jahren verändert haben. Schon allein deshalb, weil kein endlos fliessender Strom mehr an das Ohr gelangt, neigt man dazu, genauer hinzuhören.
Nachdem ich jetzt im Jahre 1958 angelangt bin – es ist nicht wenig, was sich da in den Gewölben angesammelt hat – bin ich um einige Erfahrungen reicher geworden. Es liegt mir dabei völlig fern, das zu verallgemeinern, irgendwelche Kritiken als allgemeines Mass hinzustellen, irgendjemand zu nahe zu treten, das ist alles völlig subjektiv.
Erstaunlicherweise haben sich viele der großen Hits, die für mich einst totgenudelten Ohrwürmer gut erhalten. Denen tat die Stille sichtlich gut. Altem Wein gleich reifte da einiges heran. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, Sachen wie „That’ll be the day“ von Buddy Holly, „Only you“ von den Platters oder „I got stung“ von dem seligen Elvis noch einmal mit Genuss anhören zu können.
Klassiker scheinen Klassiker zu bleiben.
Aber der Eindruck täuscht. Ich begann so manchen der alten Helden unerträglich zu finden, nicht mehr aushaltbar. Chuck Berry etwa. Ich kann es jemand, der damals das dreissigste Lebensjahr schon erreicht hat, einfach nicht abnehmen, wenn er über „Sweet Little Sixteen“ oder über „Schooldays“ singt. Oder Fats Domino, der den musikalischen Mehlsack entdeckt hat, der immer staubt, so lange man auch darauf schlägt. Das eine klang für mich verspätet pubertär, das andere behäbig monoton
Ein weiters Kapitel: „Collector’s Items“: Obskurer Kram von musikalischen Trittbrettfahrern auf noch obskureren Plattenfirmen. Nach Jahren der Abstinenz hört sich das belanglos an, weil es wohl auch wirklich belanglos ist. Wurde alles Opfer des akustischen Bildersturmes hier in den Gewölben. Teig wird nicht besser, wenn er ausgewalzt wird.
Wenn es etwas gab, was in den Gehirnwindungen hängen geblieben ist, dann waren es nicht, mit einer Ausnahme, die Bleichgesichter, sondern es war der R&B. Diese Jungs hatten es einfach drauf. Ob Chuck Willis mit „What Am I Living For“, die Chords mit „Sh-boom“, Smiley Lewis mit „I Hear You Knockin'“ oder „Hearts Made Of Stone“ mit Otis Williams und viele mehr, das alles hatte keine Patina angesetzt für mich, wohl deshalb, weil es schon immer Patina hatte. Das klingt noch heute originell, witzig, manchmal auch ein wenig dirty, das haben die Bleichgesichter nämlich nicht verstanden, den Slang damals.
Und die Ausnahme? Elvis. Das war das erstaunlichste Ergebnis der Grabungskampagne bisher. Da stimmte alles. Ein extrem gutes Händchen für feine Songs, gute Musiker, gute Stimme, erstklassige Produktion. Es war einfach das Zusammentreffen der Momente, was ihn für mich heute aus der Menge an Musik erhebt, die ich mir durchgehört habe. hat mich überrascht, mit dem hätte ich nicht gerechnet.

Das Jahr 1959 steht nun an, es werden Namen auftauchen, Sam Cooke mit seinen großen Hits, Roy Orbison, Jackie Wilson, der frühe Johnny Cash, bin gespannt, wie die sich anhören werden, ich kann das überhaupt noch nicht sagen.

Alte Gedanken und neues Staunen

Es gibt Bücher, die man besser nicht lesen sollte. Nicht wenn man zwanzig ist und nicht ein paar Jahre später. Spassverderberbücher, Heileweltkaputtmachergeschreibsel, erbärmliches. Erich Fromm hat solche Bücher geschrieben.
Eines dieser Bücher fand den Weg zurück aus der Erinnerung, ich hab es wieder hervorgekramt. Schuld daran war wie immer nicht ich, sondern dieses Mal ein werter Bloggerkollege, dessen Beitrag mich darauf brachte. „Haben oder Sein“ nennt sich das Bändchen.
Beim Lesen fiel mir ein, wie sehr mich Fromm einst beeindruckte und wie wenig davon vom Gehirn in’s Tun hinunter gesickert ist. Auf den einfachsten Nenner gebracht stellt es zwei entgegengesetzte Formen  von Lebensentwürfen vor, die des „Habens“ und die des „Seins“ – und übt wüste Kritik am Konsumverhalten.

Wenn man so etwas mit Zwanzig liest, dann strebt man sofort den Zustand der Enthaltsamkeit vom Besitzstreben an, als logischen Zwischenschritt vor der Kompletterleuchtung.

Das konnte ja nur schiefgehen.

Erich Fromm ist 1985 gestorben. Und leider kann man nicht behaupten, er habe sich getäuscht. Der Marketingcharakter, der wurde zur erschreckenden Normalität – der Mensch und sein Marktwert, und wie nutze ich Andere, um diesen Wert zu steigern.

Eines geht aber gar nicht: Unmittelbar nach solch einer Lektüre ein Einkaufszentrum besuchen, die Belege für Erich Fromms Thesen prasseln hämmernd gnadenlos darnieder. Da sollte man schon eher in den Forst gehen oder in die Berge.

Vielleicht besser doch nicht in die Berge, nicht nach der Betrachtung der Bilder von Lois Hechenblaikner. Aber Vorsicht, das ist ganz harte Kost. Freizeit und das, was der Mensch daraus macht. Man möchte sie schreiend entsetzt fragen: „Ist das wirklich alles, was ihr könnt? Ist das schon alles?“.

Grundgütiger, was wäre passiert, wären die Vorstellungen von Erich Fromm Wirklichkeit geworden. Naiv schlug der Mann vor, jedem eine ausreichende Grundsicherung zu gewähren, damit der Mensch nicht arbeiten MUSS, sondern die Möglichkeit hat, seine Kreativität auszuleben – bezahltes Sabbatical. Vermutlich würde Hechenblaikner die Kamera aus der Hand fallen, wenn er eine solche Wirklichkeit vor die Linse bekommen würde. Man kann alles noch steigern! Alte Dias, die zeigen möchten, wie es vor fast 50 Jahren in den Alpen noch ausgesehen hat: (Klick!)

Brotlose Kunst

1739 – 42 fertigte Carl Maximilian Mattern einen Schreibschrank für Friedrich Karl von Schönborn an, den Fürstbischof von Würzburg. Mattern war einer der besten Kunstschreiner seiner Zeit.
Alleruntertänigst bat er seine Eminenz dann zur Besichtigung. Der fiel aus den bischöflichen Wolken, denn diesen Auftrag hatte er nie erteilt, als absolut Herrschender war er irritiert. Dafür wurde die Hofkammer gewaltig gemaßregelt, Sondersitzung. Das war ja nicht ein Schreibtisch von Ikea, das Möbel kostete 3000 Gulden. Ganz grob geschätzt etwas mehr als 100 000 Euro. Der Mann biss die Zähne zusammen und bezahlte. Sein Kommentar: „ich sehe kein Platz, wo die machine kann hingestellet und gebrauchet werden“.

Mattern bekam diese Interna nicht mit, woher auch? 1745 wurde er zum Hofschreiner ernannt, er stand auf dem Zenith. Und sogleich begann der Absturz, er zog die falschen Schlüsse und fertigte einen weiteren Schreibtisch an.
Ging in Vorleistung, von der Schwungkraft der zu erwartenden Summe beflügelt. Es war aber nichts, die Hofkammer getraute sich gar nichts mehr und der Fürstbischof lehnte ab. Grob. Ungnädig. Ende.
Er hatte andere Projekte, die Würzburger Residenz und Kirchenbauten mal hier, mal da, das bezahlt man nicht so aus der Portokasse.

Mattern blieb auf seinem Sekretär sitzen und der Fürstbischof starb 1746. Sein Nachfolger kaufte das Möbel für 1000 Gulden, weit unter Wert. Mattern verlor 1753 die Arbeit am Hof, 10 Jahre schlug er sich noch als Feuerwerker der Artillerie durch, dann geriet er ins Elend, immer tiefer, sicher auch seelisch gebrochen, starb als Empfänger von Almosen im Jahre 1774.

Nun steht der Schrank im Museum. Wer da schnell vorüber eilt, der kann gar nicht ermessen, was da steht.

Der Korpus ist aus Eiche. Das wurde alles furniert mit:  Zypressenholz, Rosenholz, Nußbaum, Ebenholz, Kirschbaum. Die Marketerie, mit Elfenbein, für das Wappen (das musste er noch einmal neu einarbeiten, für den Nachfolger) Messing, Perlmutt, Schildpatt, Kupfer und graviertes Elfenbein. Man darf gerne die Bilder mal aufmachen und sich diese Arbeit anschauen.

Und diese Geschichte um unglaublichen Luxus und tiefes Elend, das ist nur eine von unendlich vielen, die diese in den Sammlungen präsentierten Kostbarkeiten erzählen könnten

Trapper Geierschnabel

Nicht alles, was neu ist, muss schlecht sein.
Was hab ich gelästert über Leute, die in Kleincomputer starrend vor sich hingestanden sind. Bin aber heute gewandert in urigster schwäbischer Flur mit dem Tablet in der Hand.
Wie kam das?
Im Frühjahr findet hier die alljährliche Bewährungserprobung statt. Rauf auf die Alb, ein paar Höhenmeter machen und gucken, ob der gealterte Organismus das noch auf die Reihe bringt.
Aber wohin soll es gehen? Im Hirn tut sich ein wahres Panoptikum ausgetretener Pfade auf. Aber da es für wirklich Alles ein App gibt, entstand mir die Vorstellung, dass so ein Progrämmchen zum Wandern abladbar sein muss.
In der Tat, Albtips hat es!
Rauf mit dem App auf’s Androidchen – und:
Es gibt abartig viele Pfade hier, von denen ich nicht den blassesten Schimmer hatte. Ganz schnell wurde einer ausgewählt. Streuobstwiesen, Albaufstiegsbewährungserprobung, Hochfläche, Magerrasen, Brotzeitplatz und wieder hinunter. Ich war echt gespannt.
Fazit: Klasse!
Man muss da ein bisschen reinkommen. Das Navi mag ich nicht, ich bin eher der Old-School-Nach-Dem-Weg-Frager, aber das geht im einsamen Hain nicht immer.
Und im Forst hat man auch Schatten, ganz sinnvoll, den bei Sonne wird das Tablet blind. Ansonsten ist das wie mit Karte wandern, nur dass ein kleiner beweglicher blauer Punkt mit spitzem Kegel sagt, wo man ist und ob man vom rechten Weg abkam – der Wanderkarte ist das völlig egal, kein Lotse.
Die Pfade waren sehr abenteuerlich. Ohne das Äpp hätte ich manchen Weg nicht gesehen, völlig vom Bärlauch überwuchert, in solchen Massen, man hätte die halbe Bronx mit Pesto versorgen können. Da es keine ausgewiesenen Wanderwege waren, sondern eine alte Heusteige, lagen rustikal Bäume kreuz und quer – urig und so lederstrumpfmässig. Aber der kleine blaue Punkt ward bei mir und alles wurde gut.
Es ist immer ein fast magischer Moment, wenn die die Albhochfläche erreicht ist und die Perspektive wieder in die Horizontale kippt. Plackerei zuende, das Körperlein tut noch mit, guter Junge!
Ruhe, der Geruch von Magerwiesen, Enziane, erstes Spriessen der Knabenkräuter. Das geht schon ganz tief rein, das würde sogar der Schwabe als „ganz nett“ bezeichnen.
Der Rückweg war eine ebenso feine Sache, kein Gekrame in der Karte, toller Weg, während der Völkerwanderung wäre so ein Helferlein eine feine Sache gewesen.
Oha, da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben, „Albtips“ wird mein Wandersmann-App!

Morgen ist das nächste Albroadmovie angesagt, eine Rote dabei, Weckle, Feuerstelle, miam miam.

Der Soundtrack: Little Martha (Klick to hear)
Duane Allman.

Und noch ein paar Bilder (Klick to gugg)

Schwäbische Grübeleien

Fiktives Aufsatzthema:  „Das sonnige Gemüt der Schwaben“ oder „Die Leichtigkeit des Seins in Südwestdeutschland“.  Ich weiss nicht, ob ich diesen Sachverhalt erörtern wollen würde, käme der Quadratur des Kreises gleich.
Als schwäbischer Eingeborener und damit als Betroffener fragt man sich halt, warum die Schwaben nicht das Herz auf der Zunge tragen, warum sie oft so zäh und unlocker wirken. Liegt es daran, dass der schwäbische Dialekt für positive Ansätze kontraproduktiv ist und Worte bereitstellt, die wie Spassbremsen wirken?

z.B. das Wort „halt„. Kann man nicht übersetzen.
Beispiel: „Wir kommen halt morgen und machen das Rohr frei“ (unter Verzicht auf schwäbische Orthographie, auch in den folgenden Beispielen) – da wird der innere Widerstand und dessen Überwindung gegen das Tun mit Nachdruck zum Ausdruck gebracht, Unlust, Lustverlust. Das Wort ist so ein Killer wie „Jaaaa, aber“. Die Zustimmung, mit einem Wort wieder einkassiert.

Oder „Hano„. Kann man ebenfalls nicht übersetzen, als „Hanoi“ verschärft ausgesprochen, gedehnt. Kommt oft vor, drückt missbilligendes Erstaunen aus, wobei „Hanoi“ gleich die Ablehnung in sich trägt.
Da kommt keine Lebensfreude auf.
Keel„, ohne Beispiel in der deutschen Sprache. Ganz schwer übersetzbar, eine Stiegerung des Neagtiven. „Bist du wieder keel heute“, gedeeehnt ausgesprochen.

Bemerkenswert sind positive Statements in Schwaben, Gefühlsausbrüche. Das Schwäbische erstickt euphorische Ausbrüche der Zustimmung schon im Keim.

Sauberle„: unübersetzbar.
Der Komparativ: „Sauberle sauberle!“. Ergebnis der Kehrwoche und des Kandelkehrens am Samstag mittag mit dem Kutterschäufele. Schmutz und Unordnung passt nicht hinein in das schwäbische Selbstverständnis, es gibt tausend Arten hier, sich dem Unkraut zu widmen, das zwischen den Bordsteinen spriesst.
Und niemals wird ein Schwabe sagen, das es ihm etwa glänzend geht. Das äußerste Wohlbefinden wird mit „net schlecht„, „S’Kennt besser sei“ oder „S’geht“ umschrieben, im leicht jammerndem Tonfall dahergenäselt.

Ein Ausdruck für innige Zuneigung ist: „Wir täten schon zu einander passen“ –  es geht dabei nicht um die Gründung einer GmBH, sondern um die Bahnung einer Lebensgemeinschaft.
Ein leckeres Essen wird kommentiert mit „Kann man essen“ oder „Der Hunger hat’s halt runter getrieben

Die Beleidigung: Da erreicht das Schwäbische internationales Format, nur kurz gestreift:
Der „Seggl“ – wieder nicht übersetzungsfähig. Der schlimmste Tort, den man einem Schwaben antun kann, unheilbar, keine Chance, Vollpfosten forever, und es lässt sich noch steigern: „Lombaseggel“ und der Superlativ: „Granadaseggel„, das ist der verbale Supergau.
Harmloser der „Grassdackel„, das „Mensch„, die böse Frau also, oft mit einer „Gosch wie einem Schwert“ ausgestattet.

Soweit, so schlecht.
Womöglich ist das einer der Gründe, weshalb die Schwaben in Berlin ziemlich schlecht angesehen werden, da treten sie anscheinend massiert auf. Wenn ich hingegen nördlich des Mains unterwegs bin, dann fällt mir jedes Nummernschild aus dem Südwesten als Rarität auf.
Man mag sich nun fragen, wie es überhaupt möglich ist, hier zu überleben?

Es ist möglich!

Die Top 5 der Überlebensstrategien in Schwaben:

5: Sich nicht in Gespräche über Krankheiten hineinziehen lassen. Es gibt z.B. das „Schlägle“, den Schlaganfall, das Ranzenweh, den Wochendibbel und den Lugabeutel, der entfernt wurde. Wird endlos ausgewalzt, mitsamt aller Gebrechen, die sich in der Ahnentafel finden. Nach Erreichen des 50zigstens Lebensjahres überfällt den Schwaben das zwanghafte Bedürfnis, jedem Apotheker seine komplette Krankheitsgeschichte zu erzählen.
4: Entweder ganz weit wegziehen oder vor Ort bleiben. Berlin or not!
Der Schwabe erträgt andere schwäbische Dialekte nur ganz schwer. Er kann klar differenzieren, aus welchem Dorf er stammt. Ein Älbler wird den Stuttgarter Raum phonetisch als Ausland empfinden, ein Anwohner der Illergegend kann wegen des rollenden „R“ Schwierigkeiten im Balinger Raum bekommen, wo man schon alemannischen Einschlag hört. In Berlin ist das egal. Alles Schwaben, alle gleich, das verbindet.
3: Die Schrate suchen, die Eigenbrötler, die aus der Art Geschlagenen, die Wüste lebt, unverhofft, Ohr haben, ein Gespür, Zeit, ach was weiss ich, dann lernt man sie kennen. Das ist nicht von der Stange hier.
2: Farbe bekennen. Schwabe oder nicht, das ist die Frage, wenn schon, denn schon. Den eigenen Dialekt akzeptieren und an der Ausbaufähigkeit arbeiten. Es gibt nichts Schlimmeres als die unfertige schwäbische Kopie des Hochdeutschen, wie man es bei Politiker oft hört.
Oder die grausige Lightversion des Dialekts in Fernsehserien.
1: Humor. Das Gegenmittel. Wenn man genau hinhört, dann fallen sie auf, die kleinen Nettigkeiten. Das Butzele, das Anmienaschlupferle, das Hennadäbberle und „Mir gebet nix!“

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

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I’ll find my way home (hanoi)