Selfismus

Ludwig der Vierzehnte hatte es gut, auch Karl V., Napoleon, Goethe oder Bismarck. Die mussten sich selbst nicht abmühen, Selfies zu erstellen, das erledigten andere für sie, sie liessen sich poträtieren.
Es began in der Antike mit den Selfies. Phidias, griechischer Bildhauer, soll sich selbst auf dem Schild der Statue Athenes verewigt haben. Im Mittelalter ist der Selfie unbekannt, von Ausnahmen abgesehen, hoch oben im Gewölbe einer Kirche oder im Gewände.
Pionier des Selfie war im Übergang der Spätgotik zur Renaissance Fra Lippo Lippi, Maler aus Italien, der sich als Randfigürchen – einer Stifterfigur gleich – noch recht bescheiden gab.
Danach brachen die Dämme: Dürer, Parmigianino, Leonardo, Velasquez, Rubens… Selbstbildnis nannte man das damals, der Begriff „Selfie“ tauchte ab 2002 auf. In der Kunstgeschichte hat er sich bis heute noch nicht durchgesetzt.
Ab 1900 aber schon wurden Selfies mit der Kamera gemacht. Das war gar nicht so einfach seinerzeit, da es noch keine Selbstauslöser gab. Seit deren Einführung mehrte sich das Aufkommen der Selfies erheblich, aber einfacher wurde es nicht. Knipsen mit dem Selbstauslöser fand ich immer schwierig, wurde wenig genutzt und in der Zigarrenkiste fand ich keinen einzigen Selfie.
2013 erklärte das „English Oxford Dictionary“ Selfie zum Wort des Jahres. Was Leuten wie Dürer, Van Gogh oder Dali aber nicht einfiel, diese Eingebung blieb Prominenten unserer Tage vorbehalten: Der Nackt-Selfie.
Van Gogh und nicht mal Dali hatten „Clouds“, die man knacken konnte – und kein Internet zum Betrachten des eigenen Nackt-Selfies, des unfreiwilligen Betrachtens, und des Prozessierens gegen … was eigentlich?
Ähnlich dem Gartenzwerg im Film „Wunderbare Welt der Amelie“ machen sich derzeit ganz viele Menschen auf. Nach Gegenden wie Manhattan, Miami Beach oder zum Marterhorn oder nach Lummerland, um Selbstbildnisse zu erstellen. Manche bringen es zu hart und machen Selfies an Orten, wo anderen Menschen Katastrophen zugestossen sind.
Werkelte Velasquez bei seinen Selfies noch herum am düsteren Hofe von Philipp dem Vierten in Madrid oder in seinem Atelier, so geht es heute hinaus an die frische Luft.
„Hit me with your Selfie-Stick“:
An manchen Orten sind sie schon verboten, die Aufrüstungen. Lange Stöcke zum Aufmontieren des Smartphone oder der Digi. Ich hab den Selfie-Stick noch nicht getestet. Ich mach eigentlich gar keine Selfies. Ausser der unfreiwilligen, da hab ich ein paar, passiert dem Anfänger, wenn er gegen eine Scheibe knipst. Es wurde noch kein Fachausdruck dafür geprägt. Unselfie?
Möchte nicht abgedroschene Phrasen wie „Narzissmus“, „Exhibitionismus“ oder „Untergang des Abendlandes“ diskutieren, da gibt es ganz andere Probleme als Leute, die sich selber gerne knipsen.
Als sich Dürer selbst porträtierte, da gab es bestimmt einige Kulturpessimisten, die das nicht so prickelnd fanden. Ich wundere mich halt gerne und mache mir Gedanken darüber, wie es weiter geht: etwa mit dem Selfie Toaster, das ist doch schon eine Option. Das eigene Gesicht auf dem Brot.
Ein einziger kritische Einwurf möge mir gestattet sein: Wo bleiben noch die Momente, die man wirklich mitbekommt? Erlebe ich irgendwann den jüngsten Tag und muss mir dann überlegen, wie ich einen Selfie mit den himmlischen Chören oder gar dem Weltenrichter hinkriege? Sauber im Hintergrund und sofort gebloggt?

Ian Dury
kligg to gugg

Wer kann helfen?

In einer Zigarrenkiste wird hier von Generation zu Generation ein Stapel alter Photos weitergereicht. Schon als Kind habe ich sie gerne betrachtet, zusammen mit der Oma. Die konnte so schön erzählen.
Als Erwachsener habe ich ja Zeit im Überfluss und daher sind die alten Bilder alle digitalisiert.
Dieses eine Bild konnte ich nicht identifizieren. Ich habe keine Ahnung, wo das war und ob das Bauwerk noch steht und wer dort war.
Vielleicht wohnt jemand direkt gegenüber oder kann mir einen Tip geben.
Das Bild hat kein Profi gemacht, es dürfte ein Stadttor zeigen, bei dem der Deckel fehlt. St. Georg der Drachentöter, mit Heiligenschein samt neun Sternen darin, eine sehr markante Eckverquaderung und zwei wie Schwalbennester angeklebte Holzkonstruktionen. Das Ganze wirkt auf mich kerngesund chaotisch unbauvorschriftlich, wie früher eben.

Vielen Dank schon jetzt für das Betrachten! (Klick to Gugg)

PS: Das Rätsel wurde ratzfatz gelöst, es ist das Schwabentor in Freiburg im Breisgau (sic! – Link in comments).

Danke 🙂

Alte Bilder 4

Rudolf Von Scherenberg

Fast 95 ist er geworden, das in einer Zeit, als die Lebenserwartung nicht einmal die Hälfte an diesen Jahren betrug. Er war der letzte seines Geschlechts, derer von Scherenberg im Steigerwald.
Von 1446 bis 1495 hatte er im Hochstift Würzburg das Sagen, als Fürstbischof, als weltlicher und kirchlicher Herr, mit Schwert und Stab.
Was mag dieser Mann bloss alles gesehen haben. Man müsste ihm mal selbst begegnet sein. Soweit es überhaupt möglich ist, einen solchen Menschen anzublicken – Tilman Riemenschneider hinterliess mit diesem Porträt einen Meilenstein.

Als Rudolf von Scherenberg das Bistum übernahm, war es bankrott, Fehde mit Bamberg und den Hohenzollern obendrauf. Das hat er alles wieder hingebogen, er muss genialer Verwalter gewesen sein und gewiefter Politiker. Optisch ähnelte er eher dem älteren Bruder Konrad Adenauers.
Sein ungeheurer Schatz an Lebens- und Berufserfahrung – ich finde, man sieht es.
Einen tiefen Schatten hat die Geschichte auf ihn geworfen. Hans Böhm, der Pauker von Niklashausen wurde 1476 in Würzburg verbrannt. Das war blanker Justizmord, würde man heute sagen, garniert mit Propaganda und gezielter Desinformationspolitik.
Und in seinem Schatten steht Scherenberg heute noch, Böhm ist fast zu einem Erinnerungsort geworden, und wäre Tilman Riemenschneider nicht gewesen, dann wäre Scherenberg als unbekannte Eintragung in der langen Liste der Würzburger Fürstbischöfe versunken.
Zu beurteilen vermag ich die Vorgänge nicht, aus heutiger Sicht ist das despotisch und grausam – aber meine Vorstellungskraft reicht annähernd nicht aus, um die Denkart eines Menschen des 15. Jahrhunderts zu erfassen und zu bewerten. Und es sind seither fünf weitere Jahrhunderte in’s Land gegangen.

Schon im Jahre seines Todes wurde ein großer Block kostbaren Salzburger Marmors, durchädert und blass in der Farbe nach Würzburg geschafft.
Vom Nachfolger Rudolfs von Scherenberg erhielt Tilman Riemenschneider den Auftrag für das Grabmal.
Riemenschneider muss den Mann gekannt haben, ist ihm begegnet, es ist gar nicht anders möglich, solch ein Antlitz aus dem Rotmarmor treten zu lassen.
Er schuf nicht weniger als das bedeutendste Grabmal in einer langen Reihe von Epitaphen im Würzburger Dom, die von der Stauferzeit bis in das 20. Jahrhundert reichen.
Damals, an der Schwelle der Gotik zur Renaissance, die sich in Deutschland ja Zeit gelassen hatte, trat das Porträt ganz langsam an uns heran, verdrängte die idealisierte Erscheinung der Verstorbenen, die gerne auch um etliche Jahre verjüngt wurden, dargestellt in der Blüte ihrer Jahre.
Der Raum um seinen Kopf bleibt leer, umso mehr tritt der Mensch daraus hervor. Ein Gesicht, gezeichnet vom Schmerz, von Krankheit, aber auch von Würde, von Güte und von Dominanz, Entschlossenheit und Wille.
Die Augen, die schon in die Ewigkeit zu blicken scheinen. Für mich eines der wichtigsten Werke Riemenschneiders. Beeindruckend.
Ich bin lange bei ihm gesessen, er wird nicht sonderlich beachtet, ein wenig verkantet steht er da zwischen den Kirchenbänken im Mittelschiff des Doms.

Klick to Gugg:

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Paradise City

Da das Wetter heute mehr hielt, als es versprochen hatte, ging es an die frische Luft.
Etwa fünf Autominuten weiter. Der Nachbarort.
Diese Stadt war einst ein fürchterliches Nadelöhr, da musste man durch. Das Volk wogte unter der Woche dort enorm, viele mit braunen Papiertüten unter dem Arm. oder, wenn man das nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dann eben Umwege über holprige Pisten durch Mostanbaugebiete.
Heute gibt es eine Umgehungsautobahn.

An Sonn- und Feiertagen erlischt jegliche Attraktivität schlagartig und alles scheint in einen Dornröschenschlaf zu fallen. Weil man kann nicht shoppen. Aber an allen anderen Tagen, da wird geshoppt, wie wenn’s ums Leben ginge!
Welcome in Outlet City, wo „sehr teuer“ auf „teuer“ abgestuft wird. Also ein teures denglisches Pflaster.

Mit dem Outlet eines hiesigen Textilherstellers namens Hugo Boss fing alles an, seither überwuchern Bauwerke den Ort, die kubengleich hochgezogen werden, bilden Metastasen aus, haben einen Belagerungsring um die Innenstadt gezogen.

Tempelbauten des Narziss zum Feiern seiner fröhlichen Urstände, so mutet mich das an.

Den Einheimischen kommt der ganze Kram kaum zugute. Im Zentrum versucht man vergeblich, auch was von dem vielen Geld zu bekommen, das in die Stadt auf SUVs hineinströmt. In der traditionsreichen Gastronomie bemüht sich der Chinese, die restlichen Restaurants sind türkisch/griechisch/italienisch/donaldisch. Parallelwelten, die sich dort eingenistet haben. Hier brummt der Kapitalismus, dort der Tafelladen. Eine Ausweitung von Paradise City ist mittlerweile beschlossene Sache, man sitzt in den Startlöchern, der Belagerungsring schliesst sich ein Stück mehr. Das Rathaus steht noch. Zwischen schwäbischer Legorenaissance und Barock.

Die freikirchliche Brüdergemeinde aber, die hält dort aus. Mittendrin. Ein Wallfahrtsort im Wallfahrtsort. Das Bethesdahaus. Früher war das eine beschauliche Angelegenheit in einem traufständigen Haus, nun übereck contre prada gebaut und kaum mehr wieder zu erkennen.

Wir waren mal wieder in Outlet City.

Das nächste Mal?

In zehn Jahren?

Vielleicht.

Klick to Gugg

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Big Star

Bis vor ein paar Jahren war ich ein Musikfan, Popmusik, Rockmusik, der ganze Kram, offen für alles. Das hat sich verloren, über die näheren Umstände lohnt es sich nicht zu schreiben. Es war weg, ging nicht mehr, ich war nach 10 Minuten Musik nur noch genervt und hatte Musik hinfort aus meinem Leben gestrichen, streichen müssen.

Ein ganz klein bisschen schlich sich das wieder ein. Bei diesem Einschleichen war es interessant zu bemerken, dass ein einziger Song sich wochenlang in der eigenen neuronal-schleifigen Playlist halten konnte. Es hat ihn ja keiner verdrängt.

Seit heute tummelt sich Big Star in dem für musikalische Angelegenheiten zuständigen Teil des Hirns.

Die Schuld hat – und ich brauche gelegentlich Sündenböcke – die hat ein bekanntes deutsches Magazin aus Hamburg.
Und .. ich war immer ein Melodienfetischist, ein besseres Wort fällt mir nicht ein, ich mochte Sachen, bei denen es irgendwann mal im Hirn geklickt hat.

Und Big Star, die hatten Melodien, oder Tunes, wie der Engländer sagt. Und zwar solche, die mich notwendig und hinreichend ansprangen, mit Wiedererkennung, und mit Gefühl, mit ein wenig Wehmut, grosses Theater, Breitwand. Ich werde hier mit Absicht nicht die Bandbiographie treten und walzen, das können andere viel besser. Einfach mal reinklicken und hören. Warum das ganze Gebrabbel hier?

Ich möchte ein wenig, ein ganz klitzekleinwenig diese wirklich gute Band, diese Underdogs wieder in das Gedächtnis rufen, nicht mehr und nicht weniger.
Und …..  so hört sich meine Mugge an 🙂

Klick to Play:  The Ballad Of El Goodo

A Day In the Life

Es gibt eine Eigenschaft, die ich besonders ungern verlieren möchte. Nämlich die, mich zu wundern. Nicht immer ist sie gleichermassen vorhanden, an guten Tagen mehr. An den Schlechten weniger.
Heute hatte ich sogar richtige Lust, mich mal wieder zu wundern, nachdem der Arbeitsalltag schon davon geprägt war. Ein Vesper eingepackt und an der Datenautobahn den Daumen in den Wind gestreckt, schaunmermal, wohin es uns führt.
Der erste Halt waren die Gebrüder Grimm. Kann sein, dass der Zipferlake die Urschuld trug, irgendwie waren es Worte, deren Bedeutungen, die Ursprünge – ich landete im Märchenland. Die wunderliche Gasterei, das war mir unbekannt, das Wort und die Geschichte und das zog mich an. Nach der zweiten Auflage des Grimmschen Märchenbuches verschwand es daraus. Wie auch immer.
Ich kam nicht weg von den ausgelatschten Pfaden, wenn jetzt schon mal auf der Literatour, dann weiter so.
Wie ich von den Grimm Brothers auf Honoré de Balzac kam, das weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur, dass er einer der wenigen ist, bei denen mir beim Lesen zuzeiten das Tränenkrüglein überfliesst, ich das Buch weglegen muss – und Vater Goriot ist so eine Geschichte. Und wenn wir schon im Internet sind, dann nehmen wir das mal wieder in Auszügen mit. Bitter schön verwundert.
Da die freie Assoziation gut bedient wird im Internet und der Zipferlake keine Ruhe gab, landete ich bei den Klickfarmen. Ach du jeh!
Das ist kein Märchen, dagegen waren Balzac und die Grimms phantasielos, die hätte der Schlag getroffen. Da sitzen in der Tat Menschen in irgendwelchen Klitschen in der dritten Welt oder auch in der Zweiten und liken den ganzen Tag. Ich krieg die Tür nicht zu, die verdienen an dieser narzisstischen Problematik mit 1000 Likes gerade mal einen Euro, oder so.
Ist das irgendwie noch normal, wenn der Schweizer Pegida Vorsitzende Tausende von Likes für Facebook in Bangla-Desh kauft? Über diesen Gedanken kann man sich nicht genug wundern. Das klingt schräg, zum Glück keine Diagnose im ICD, noch nicht.
Klickfarmen. So heisst das also. Wundern ist da gar nicht mehr das richtige Wort, ich müßte schon ein neues Wort erfinden.
Danach bog ich ab auf die Landstrasse, um mich etwas gelinder zu wundern. Die hiesige Presse ist immer gut für so ein kleines, harmloses Wundern:
Die Schnurbäume kränkeln, die japanischen. Im Bürgerpark. Die recht teuren   Pflanzungen mit Früchten, die leichte Vergiftungen erzeugen, die sogar dem Stadtrat einen Vororttermin in einer entfernteren Baumschule ans Herz legten, kein Betriebsausflug, mitnichten, sondern harte Arbeit. Haben wir hier nicht Eichen, Buchen, Linden? Wunderte mich seinerzeit und wundert mich noch heute, zumal der angestammte Baumbestand um den Bürgerpark gekahlt wurde, damit man den Bürgerpark sehen kann.
Nun aber Schluss mit wundern, es geht normal weiter hier! Vielen Dank für die geneigte Aufmerksamkeit.

Press to play: A day In The Life

Noch ein Gedicht…….

Der Zipferlake

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

»Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr.
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
dem mampfen Schnatterrind.«

Er zückt‘ sein scharfgebifftes Schwert,
den Feind zu futzen ohne Saum,
und lehnt‘ sich an den Dudelbaum
und stand da lang in sich gekehrt.

In sich gekeimt, so stand er hier,
da kam verschnoff der Zipferlak
mit Flammenlefze angewackt
und gurgt‘ in seiner Gier.

Mit Eins! und Zwei! und bis auf’s Bein!
Die biffe Klinge ritscheropf!
Trennt‘ er vom Hals den toten Kopf,
und wichernd sprengt‘ er heim.

»Vom Zipferlak hast uns befreit?
Komm an mein Herz, aromer Sohn!
Oh, blumer Tag! Oh, schlusse Fron!«
So kröpfte er vor Freud‘.

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

Im Original war das der „Jabberwocky“ aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“, die für mich geniale Übersetzung stammt von Christan Enzensberger.
Und ich denke hier nicht einmal im Ansatz daran, zu verraten, um was es da geht. Das tat schon Lewis Carroll, und besser kann ich es nicht.
Ich finde diese Lautmalereien wunderschön und doch sind es Worte, die auf faszinierende Weise denkbar sind, möglich sind, syntaktisch völlig korrekt, aber nie „gefunden“ wurden, jedenfalls nicht ausserhalb von diesem Kontext.
Und so gibt es noch sooo viele Worte, die da nur harren, gefunden zu werden.

Kinder tun sich da noch leichter.

Press to play: Jabberwocky

Der 27. November

Es gibt Abende, da bin ich geistig so verballert wg. des Tages Müh und Plag, dass ich mich höchstens dazu aufraffen kann, einfach ohne Plan im Internet zu scharwenzeln, klicke gerne-beschaulich die angesammelten Linklisten durch und harre der Dinge, die da kommen.
Im Rahmen derartiger Bemühungen hab ich eine meiner Lieblingsseiten auf den Bildschirm geholt, das ökumenische Heiligenlexikon. Toll gemacht, nicht zu abgehoben, verständlich geschrieben, nette Bilder und auch Quellen werden angegeben.
An einem der zerknüllten Abende fand ich Josaphat von Indien.
Der wurde 1590 in das „Martyrologium Romanum“ aufgenommen, damals der definitive Guide Michelin zu allen Heiligen und Märtyrern. Amtlich. Punkt.

Nun ja, Heilige gibt es wie Sand am Meer.
Ich schweife ab. Der Beiname des Josaphat machte mich neugierig. Indien war und ist kein christianisiertes Land. Bevölkerungsmäßig wäre es die Schlossallee des Missionsgedankens gewesen, aber da hatten schon andere vorher ein Hotel draufgesetzt.
Im 8. Jh. entstand der Urtext der Geschichte von „Barlaam und Josaphat“, auf Arabisch, wurde übersetzt in das Georgische, dann griechisch und unterwegs immer fein mit christlichen Elementen angereichert.
In der lateinische Version gelangte die Geschichte – längst ein Bestseller – zu Bischof Otto II. von Freising, der den „Laubacher Barlaam“ herausgab, auf mittelhochdeutsch. Noch bis Island – die Barlaams Saga – danach polnische, spanische und viele weitere Versionen, man war gut vernetzt. Die Umschlagstationen für solch geistiges Gut waren die Klöster, Ballungsräume der Elite seinerzeit.
Die Geschichte Josaphats:
Es geht um einen indischen König, einen Heiden, dem bei der Geburt des Sohnes ein Orakel voraussagt, dass dieser Sohn Christ werden wird. Das will der im Heidentum sehr engagierte Mann nicht gefallen, er sperrt den Sohn im Elfenbeinturm ein und lässt dort Milch und Honig nur so fliesen.
Eines Tages büchst der Sohn aus und im Laufe dieses Ausflugs begegnet er einem Kranken, einem alten Mann und einem Blinden, was ihn nachdenklich werden lässt, über die Vergänglichkeit allen Seins. Das Ende vom Lied war, dass der Einsiedler Barlaam den nachgereiften jungen Mann zum Christentum begehrt. Der Königssohn entsagt Amt und Würden, geht in die Wüste und wird dort ein Heiliger Mann.

Ist doch nix Besonderes, wird man einwenden, ganze Heerscharen heiliger Männer sind in die Wüste gegangen damals, oder auf Säulen gesessen oder haben noch krassere Dinge gemacht.
Ich mach das jetzt kurz, denn ich bin dabei, mich völlig zu verbabbeln. Wer ein wenig mit der Geschichte des Siddhartha Gautama vertraut ist, der wird es geahnt haben. Was dem guten Otto von Freising damals in die Hände fiel, das war nichts Anderes als die Lebensgeschichte des Begründers des Buddhismus.
Sachen gibt es.
Ich hab das nicht geglaubt. Buddha wird am 27. November von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Natürlich als Josaphat. Womöglich noch in Island oben.
Mein Vorbild ist nicht Erich von Däniken, soweit ich da nachrecherchiert habe, ist diese Geschichte recht gut belegt.
Ich bedanke mich für die geneigte Aufmerksamkeit und möge man mir meine Weitschweifigkeit nachsehen.

Soundtrack: Steely Dan (Press To Play)

Der endlose Strom

Irgendwann musste es ja so kommen! Ich hab mir jahrelang nichts daraus gemacht, ich habe ohne Mühewalten eine völlige Gleichgültigkeit an den Tag legen können, die schon beinahe der des Zen-Meisters entgegen weltlichen Verlockungen glich.
Vor 4 Wochen der entscheidenden Fehler, jetzt habe ich den Salat. Was war geschehen?
Das Sofa nicht rechtzeitig geräumt. Am Sonntagabend, Viertel nach acht, um genau zu sein.
Nur mal reingeschaut, eine halbe Stunde. Als ich kurz danach am Rechner vor mich hingesessen bin, da war ich so schnell auf der Website vom ARD, wie ich nicht mal „Tatort“ sagen konnte.
Und ich komme nicht mehr so recht los, die letzten Folgen habe ich alle geguckt.

Aber das genügt nicht. Man tauscht sich dann natürlich aus, mit den Wissenden, die schon hunderte von Folgen gesehen haben, man hört andächtig deren Meinung an. Voller Ehrfurcht, wenn die in ihrem Erfahrungsschatz kramen. Das wäre ja nun alles gar nicht so schlimm, wenn ich nicht diesen Tip bekommen hätte, von einem dieser Gurus, mir „Morde Ohne Leichen“ anzuschauen. Wo denn? Na auf You Tube ….. Machen wir.
Der Streifen war gut, seine Konsequenzen aber schrecklich, führten sie zu der Entdeckung, dass man nicht nur diesen Tatort auf jener Plattform anschauen kann, sondern die Massen davon. Angabe ohne Gewähr, aber es gibt wohl über 900 Folgen. Peanuts, sagte ich mir, mit 1 fängt man an und arbeitet sich dann eben durch, ein Gedanke, der dem Zeitalter der Weihnachtsvierteiler entsprang, urtümlich?Gründlicher recherchiert kam ich dann auf über 50 Tage Sendezeit/Lebenszeit – wieder ohne Gewähr. Am Stück. Rechnet man Unterbrechungen heraus, wie essen, trinken, schlafen oder lästige Erwerbsarbeit, dann wird schnell ein Jahr daraus, im Laufe dessen man seine gesamte Freizeit theoretisch damit verbringen könnte, Tatort zu schauen. Etwas weniger, wenn man selektiert und aus dem Film klickt, wenn der nix taugt oder man Lena Odenthal boykottiert. Was ist ein Jahr?  Der am Anfang erwähnte Zen-Meister müsste 30 Jahre meditieren, um in’s Nirvana zu kommen, den nervigen Wiedergeburten entgehen – eher anstrengend!
Der Tatort ist aber nicht das Problem, sondern You Tube ist das Problem. Ich hab mich nämlich informiert. Im Jahr 2013, schon eine Weile her, da wurden pro Minute 100 Stunden Film hochgeladen. Wenn also jemand behauptete, er hätte sich You Tube komplett angesehen, dann wäre ich höchst misstrauisch. Dennoch, wenn, was stark anzunehmen ist, 99% des hochgeladenen Materials eher simpler Natur ist, oder 125 %, dann reicht das komplette Leben leider nicht, den Rest entspannt anzuschaun. Solche Zahlenspielereien brachten mich in’s Grübeln, weil You Tube ja nicht die einzige Adresse im Internet ist, nicht das einzige Archiv, in das sich Minute für Minute unglaubliche Datenmengen ergiessen. Diesen Mengen diametral entgegengesetzt ist die Unfähigkeit meines Gehirns, mit irgendwelchen Dingen etwas anfangen zu können, die nicht ordentlich vernetzt werden. Das braucht auch wieder Zeit. Als ob das nicht reichen würde, hab ich noch ein weiteres Problem: Ich lese gerne. Und zwar Bücher. Und wenn das noch nicht reichen würde: Ich habe die saublöde Gewohnheit, Bücher so altmodisch-gründlich zu lesen, so lange, bis ich das Gefühl habe, den Kram verstanden zu haben. So wie man dereinst das Bruchrechnen verstanden hat, den zentralen Gedanken dahinter. Oder das Malnehmen.So schnell komme ich aus dieser Nummer nicht heraus, so gern ich hier der Weisheit letzten Schluss präsentiert hätte.
Is nicht, liebe Leute, is nicht 😦
Zur Entspannung gucke ich mir jetzt keinen Tatort an.

Soundtrack: John Lennon war einer der wirklich Guten.
(Press To Play)

Land des Lachens

Ich gebe es ja zu: Ich bin einer von denen, die zum Lachen in den Keller gehen. In echt, ich habe ein Humorproblem! Ganz krass bewusst wird das mir immer dann, wenn ich mir Photogallerien auf den Homepages hiesiger Presseorgane betrachte. Etwa der Alpenball: 90 Bilder mit gefühlten 700 lachenden Menschen. Mit so einem bleckendem Lachen. Da musste ein Witz den anderen gejagt haben.
Wahlplakate, Werbebanner … es gibt nur lachende Menschen. Die Welt war nie glücklicher. Keine Krise kann schlimm genug sein, zum Lachen gibt es immer einen Grund, auch Nordkorea lässt beim offiziellen Photo die Mundwinkel nach oben ziehen.
Da habe ich als Spassbremse ein mächtiges Problem, weil ich nicht ständig so very amused in der Weltgeschichte herumlaufe. Eher ernst gucke. Immer schon. Ich hab mir deshalb angewöhnt, einmal im Monat Bilder alter Meister anzuschauen. So ein diskretes, rätselhaftes Lächeln einer Mona Lisa zum Beispiel, das lindert den Schmerz. Verglichen mit den Bildern malender Zeitgenossen, ist das noch eine extreme Lache. Man sieht so viele ernsthaft darein schauende Menschen, dass sich hier Trost findet. So viel Seelenverwandschaft! In der Renaissance, im Barock … ganze Heerscharen ernster Menschen werden abgebildet. Im Gegensatz zu heute hatten die Leute ja nichts zum Lachen.

Als bekennender Trauerkloss greife ich mittlerweile nach dem letzten Strohhalm. Dem freundlichen Lächeln. Das kann man offenen Auges mehrmals pro Tag erleben, und das haut echt rein. Ich gebe für ein so ein Augenmitlächeln zig bespasste Volllachbilder im Tausch.
Aber, wie schon geschrieben, Humor ist meine Sache nicht 🙂